Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen
Graf Deym, der k. u. k. Botschafter in London, brachte es auf den Punkt: Es ist nicht recht verständlich, dass in Peking alle Vertreter der Mächte den in ihren Conferenzen ausgearbeiteten Friedensbedingungen zugestimmt und einstimmig beschlossen haben sie ihren Regierungen zur Genehmigung vorzuschlagen, trotzdem einzelne der Mächte gerade mit den wichtigsten [...] Bestimmungen keineswegs einverstanden zu sein scheinen. Es kann doch kaum daran gezweifelt werden, dass die Vertreter der Mächte mit ihren Regierungen während der Verhandlungen mittelst des Telegrafen in Contact geblieben sind.1665 Deym fand es befremdend, dass die hiesige Regierang von dem vollständigen Texte der Vorschläge der Gesandten zuerst durch den Zeitungs-Bericht über die Rede des Grafen Bülow im deutschen Reichstage Kenntniss erhielt, und diesen Text, wie ich mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, vom grossbritannischen Gesandten in Peking trotz telegrafischer Urgirang, bis gestern abend [26. 11. 1900] noch nicht erhalten hatte.1666 Wie schwierig die Entscheidungsfindung war, zeigt der umfangreiche Schriftverkehr zwischen dem Ministerium des Äußern und den k. u. k. Vertretungen in St. Petersburg, London, Paris, Rom, Berlin, Washington und Tökyö. Graf Gotuchowski hatte die Diplomaten am 23. November 19001667 beauftragt, im jeweiligen Außenamt vorstellig zu werden und die Positionen der Regiemngen zu berichten. Graf Kinskÿ meldete aus St. Petersburg nach einer Unterredung mit dem Staatsrat Bazili: Seiner persönlichen Auffassung nach, setzte der Staatsrath hinzu, schienen ihm die seitens der Vereinigten Staaten und Japans geäußerten Bedenken einer gewissen thatsächlichen Berechtigung nicht zu entbehren, so das es sich wahrscheinlich empfehlen dürfte, auf den ursprünglichen Vorschlag des Herrn von Giers zurückzugreifen, welcher darin besteht, im Punkte 2 nicht die Todesstrafe, sondern nur die „strengsten Bestrafungen“ zu fordern.1668 Der italienische Außenminister Visconti-Venosta war noch unentschlossen, bezeichnete aber als wichtigsten Punkt „den Wunsch, die Einigkeit der Mächte zu erhalten und baldigsten Friedensschluß zu ermöglichen.“1669 Italien war vor allem an einer Amendierung der Handelsverträge interessiert, gegen welche sich Russland und vorübergehend auch Frankreich ausgesprochen hatten. Der Vertrag zwischen Italien und China1670 bedurfte nach italienischer Auffassung einer Verbesserung. Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten ... 1665 1666 Ebenda, Deym an Gotuchowski, Bericht No. 83 (Vertraulich), London, 27.11.1900. Ebenda. 1667 In gleichlautenden Telegrammen hatte er den Diplomaten kurz die von Czikann aus Beijing telegraphierten Entwicklungen mitgeteilt, und besonders auf die Diskussion um die Frage der Bestrafungen hingewiesen. Siehe Ebenda, Gotuchowski an Szôgyény (Berlin, Telegramm No. 108), Pasetti (Rom, Telegramm No. 60), Deym (London, Telegramm No. 50), Dumba (Paris, Telegramm No. 65), Kinskÿ (Petersburg, Telegramm No. 61), Wien 23.11.1900. 1668 Ebenda, Kinskÿ an MdÄ, Telegramm No. 136 (3 329, Chiffre), St. Petersburg, 24.11.1900. In St. Petersburg war die Situation besonders schwierig, da „es [...] in Anbetracht des Gesundheitszustandes Seiner Majestät des Kaisers gegenwärtig unmöglich sei, Höchstdenselben die vorliegende Frage zu unterbreiten [...].“ (Ebenda, Kinskÿ an MdÄ, Telegramm No. 136 (3 329, Chiffre), St. Petersburg, 24.11.1900). 1669 HHStA, P.A. XXIX/22, Pasetti an MdÄ, Telegramm No. 79 (61, Chiffre), Rom 25.11 1900. 1670 Der erste Vertrag zwischen Italien und China war 1866 unterzeichnet worden. 449