Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert
Deutschen Reichstag erklärte, sei der ganze Osten und Südosten Europas „zum Teil mit nicht haltbaren Splittern des deutschen Volkstums gefüllt. Gerade in ihnen liegt ein Grund und eine Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen. ... Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen, um auf diese Weise wenigstens einen Teil der europäischen Konfliktstoffe zu beseitigen.“ Tatsächlich wurden auf der Basis von 15 „Umsiedlungsverträgen“ seit 1939 aus dem Baltikum, aus Wolhynien, Ostgalizien, der Bukowina, Bessarabien, dem Schwarzmeergebiet, der Dobrudscha, Serbien, Bosnien und Slowenien nahezu 800 000 Deutsche ins Reich „umgesiedelt“, zumeist in Siedlungen und Gehöfte von kurz zuvor aus dem „Wartheland“ und Westpreußen vertriebenen 1,2 Millionen Polen und Juden.16 Die Massenvertreibung des Deutschtums und vor allem der Massenmord an den Juden und Roma müssen als die brutalsten und folgenreichsten Gewaltmaßnahmen für die Nationalitätenstruktur Ostmitteleuropas angesehen werden. Nach den Angaben von Raul Hilberg fielen von den über acht Millionen vor dem Zweiten Weltkrieg in Ostmitteleuropa und den Westgebieten der Sowjetunion lebenden Juden nahezu fünf Millionen der nationalsozialistischen Vemichtungspolitik zum Opfer. Daß an den Verfolgungsmaßnahmen auch die politischen Führungen der Satellitenstaaten Slowakei, Ungarn, Rumänien und Kroatien mitwirkten, wird in der jüngsten Historiographie ebenso dargelegt wie die Ermordung von nahezu 200 000 ostmittel- und südosteuropäischer Roma in den NS-Vemichtungslagem. Nach dem Bericht des deutschen Bundesarchivs vom 28. Mai 1974 sind ab Herbst 1944 etwa zwölf Millionen Deutsche aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, des Böhmerwaldes und der Leitha sowie südlich der Mur nach Westen geflohen, vertrieben oder aufgrund der Potsdamer Beschlüsse zwangsweise ausgesiedelt worden. Dabei fanden über 600 000 Menschen einen gewaltsamen Tod.17 Nationalitäten im Sowjetsystem Nach der Deportation, Vertreibung oder Vernichtung des Großteils der Minderheitenangehörigen im östlichen Europa im Großkrieg zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion bestimmte Stalin 1945 nicht nur den neuen staatlichnationalen Rahmen, sondern auch die Minderheitenpolitik Ostmittel- und Südosteuropas. Entscheidend wurde, daß der mit Gewalt deklarierte proletarische Internationalismus und der Ausbau zentralisierter Nationalstaaten jedweden MinderDie Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert 16 S u p p a n, Arnold: Zwischen Adria und Karawanken. Berlin 1998 (Deutsche Geschichte im Osten Europas 8), S. 387 f.; N at i onal e Frage und Vertreibung in der Tschechoslowakei und Ungarn 1 93 8- 1 94 8 , hrsg. von Richard G. Plaschka, Horst Haselsteiner, Arnold Suppan und Anna M. Drabek. Wien 1997. 17 Hildberg, Raul: The Destruction of the European Jews. New York 1961; Vertreibung und Vertreibungsverbrechen 1945-1948. Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974. Archivalien und ausgewählte Erlebnisberichte. Bonn 1989. 83