Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Vladimir Vertlib tierte, aber wirtschaftlich prosperierende Region eingewandert. Das alteingesessene litauische und lettische Judentum wurde von den Nazis vernichtet. Faschistische Tendenzen sind heute insbesondere in Lettland unübersehbar. Ehemalige lettische Angehörige der Waffen SS und anderer NS-Organisationen können in Riga offen Veteranentreffen abhalten und - zum Teil sogar in ihren alten Uniformen - durch die Stadt marschieren. In Weißrußland und der Ukraine ist es vor allem die katastrophale wirtschaftliche Lage, die vielen Juden die Auswanderung nach Israel als einzige Möglichkeit er­scheinen läßt, der Misere zu entfliehen. In Südkaukasien, der Moldavischen Repu­blik und Zentralasien kommen politische Turbulenzen, Kriege und Bürgerkriege hinzu. Die Auswanderung der Juden aus Georgien oder Usbekistan bedeutet auch das Ende von uralten sephardischen Gemeinden, deren historische und kulturelle Entwicklung bis in die Sowjetzeit weitgehend unabhängig von jenem des asch- kenasischen russischen Judentums verlaufen war. Die Zahl der Juden auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion hat sich wäh­rend der letzten zehn Jahre halbiert, und der Auswanderungsstrom hält weiter an, auch wenn er nicht mehr so hoch ist wie zu Beginn der Neunzigerjahre. Mit mehr als einer halben Million Menschen ist die jüdische Gemeinde Rußlands auch heute noch die drittgrößte der Welt. Doch wie lange noch? Manche Demographen pro­phezeien das Ende des russischen Judentums durch Auswanderung und Überalte­rung innerhalb der nächsten fünfzig Jahre. Wenn auch diese Prognose allzu pessi­mistisch anmutet, steht dennoch fest, daß Rußland wohl nie mehr seine einstige kulturelle und politische Bedeutung für das Judentum erlangen wird. Literatur Barth, Zeev: Neue Gefahren für Rußlands Juden. In: Illustrierte Neue Welt. Wien 1998. G i tel man, Zvi: A Century Of Ambivalence. The Jews of Russia and the Soviet Union, 1881 to the present. New York 1988. Hausleitner, Marina-Katz, Monika (Hrsg.): Juden und Antisemitismus im östlichen Europa. Berlin 1995. Kappeier, Andreas: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zer­fall. München 1992. Landmann, Salcia: Jiddisch. Das Abenteuer einer Sprache. Berlin 1997. Laqueur, Walter: Der Schoß ist fruchtbar noch. Der militante Nationalismus der russischen Rechten. München 1993. Eine detailliertere Darstellung bietet das Buch von Levin, Nora: The Jews in the Soviet Union since 1917, volume I & II. London-New York 1990. Lustiger, Amo: Rotbuch. Stalin und die Juden. Berlin 1998. 72

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