Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt
Vladimir Vertlib damit auch den Neid der nichtjüdischen Bevölkerung auf die Juden - die ja nun ausreisen durften, während anderen Volksgruppen dieses Recht verwehrt blieb. Die hohe Zahl der Ausreisewilligen überraschte die Behörden. Allein in den Jahren 1971 bis 1980 wanderten 247 000 Menschen - mehr als zehn Prozent aller sowjetischen Juden-aus. Vor 1975 war Israel das wichtigste Zielland der Emigranten, später in immer stärkerem Maße die USA - tausend sowjetische Juden emigrierten über Österreich. Der Antrag auf Auswanderung war mit einer langwierigen, meist erniedrigenden Prozedur verbunden. Einigen tausend Juden wurde auch in Zeiten relativ offener Grenzen die gewünschte Ausreisegenehmigung verweigert, so daß sie oft Jahrzehnte warten mußten, um das Land endlich verlassen zu dürfen. Diese „Refusniks“ - von denen der nunmehr äußerst populäre israelische Politiker Ana- tolij Schtscharanskij einer der bekanntesten gewesen ist - waren meist sogenannte „Geheimnisträger“, weil sie irgendwann für die sowjetische Rüstungsindustrie gearbeitet oder in der Forschung tätig gewesen waren. Ihre Ausreise ins „feindliche Ausland“ sahen die sowjetischen Machthaber deshalb als „Sicherheitsrisiko“ an. Einige „Refusniks“, die ihre Anträge schon um 1970 gestellt hatten, durften erst unter Gorbatschow in den Jahren nach 1986 auswandem. Als Folge der sich verschärfenden Spannungen zwischen den Supermächten nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan wurden auch für sowjetischen Juden die Grenzen wieder undurchlässiger. Zwischen 1981 und 1987 wurden nur etwa 16 000 Ausreisegenehmigungen erteilt. Erst die Ara Gorbatschow brachte in der Auswanderungsfrage einen Umschwung. Seit 1989 durften Juden weitestgehend ungehindert ausreisen. Da die USA im selben Jahr eine Quote für die Einwanderung sowjetischer Juden festgelegt hatte-jährlich maximal 48 000 Personen - blieb für die Ausreisewilligen meist nur Israel als Zielland. Für einen Großteil der Auswanderer war dies nur eine Notlösung. Die USA, Kanada, Australien und sogar Deutschland und Österreich wurden aufgrund der günstigeren wirtschaftlichen Möglichkeiten und der höheren Sicherheit als die bessere Alternative gegenüber Israel betrachtet. Nachdem Deutschland 1990 eine jährliche Quote für jüdische Einwanderer aus der Sowjetunion (sogenannte „Kontingentflüchtlinge“) festgesetzt hatte, haben Zehntausende von dieser Möglichkeit, nach Mitteleuropa zu übersiedeln, Gebrauch gemacht. Zionistische oder nationaljüdische Gefühle mögen zwar für einzelne wichtig gewesen sein, der breiten Masse der russischen Juden waren sie fremd. Grund für die Massenauswanderung, die 1989/90 einsetzte und bis heute anhält, war neben der katastrophalen wirtschaftlichen Lage und der politischen Instabilität in der UdSSR/GUS vor allem die Angst vor Rechtsextremisten, die gerade um 1990 besonders militant auftraten. Was wohl zur fast panikartigen Flucht der jüdischen Minderheit beigetragen hat war die offene antisemitische Rhetorik. Juden 68