Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah
Helga Embacher Kaiserzeit nicht mehr selbst miterlebt, sondern kannten sie lediglich aus den Erzählungen der Eltern oder Großeltern. Die Liebe zu Wien und zum Kaiser wurde ihnen anerzogen. „Sissi-Nostalgie“ in der Emigration Auch in Israel, den USA oder bei den wenigen Juden, die nach 1945 in Galizien oder in der Bukowina lebten, läßt sich ein nostalgisches Österreich-Bild finden. Ingenieur Zwilling zählt zu den seltenen Relikten der untergegangenen jüdischen Welt von Czemowitz. Obwohl der heute Siebzigjährige bereits lange nach dem Zerfall der Monarchie zur Welt kam, versteht er sich noch immer als Österreicher. Diese Identität zimmert er sich damit zurecht, daß seine Eltern in Wien studiert haben und sein Vater im Ersten Weltkrieg Oberleutnant gewesen ist. Stolz zeigt er sich auch darüber, daß sein Großvater von Kaiser Franz Joseph zum Kaiserlichen Rat ernannt wurde.64 Der Schriftsteller Josef Burg fühlt sich trotz einer starken jüdischen Identität im ukrainischen Czemowitz immer noch als Wiener, als „Buko- Wiener“. Er wurde 1912 in einem Stetl in der Bukowina geboren, besuchte die jiddische Schule in Czemowitz und studierte von 1934 bis 1938 an der Wiener Universität Germanistik. Seine Heimat wurde während seiner Lebenszeit vier Hauptstädten zugeordnet, Wien, Bukarest, Moskau und Kiew, und er mußte sowohl unter den Nationalsozialisten als auch unter Stalin um sein Leben bangen.65 War das Kaiserbild in Galizien oder der Bukowina bereits zu Lebzeiten Franz Josephs verklärt, so erhielt die Kaiserverehrung nach dem Zusammenbruch der Monarchie eine zusätzliche Dynamik. Nach der Shoah fühlten sich die wenigen überlebenden Juden fremd im eigenen Land und sie waren zudem als „Kosmopoliten“ von der stalinistischen Verfolgung betroffen. Während die Gebäude aus der Zeit der Monarchie in Lemberg oder Czemowitz Großteils noch stehen, auch wenn sie zwar allmählich den Putz verlieren, ist die deutsch-jüdische Kultur mit den ermordeten oder ausgewanderten Menschen verschwunden. Dem Historiker Albert Lichtblau führte die Begegnung mit „Altösterreichem“ in der Bukowina die wahre Dimension der Nostalgie vor Augen.“66 Er traf beispielsweise Lydia Hamik, die 1908 in Sereth geboren wurde und im Ersten Weltkrieg mit den Eltern nach Wien fliehen mußte. Danach lebte sie im inzwischen rumänisch gewordenen Czemowitz. wina. Wien-München 1984; Simon Wiesenthal erinnerte sich beispielsweise, daß er von seiner Mutter gelegentlich mit folgenden Worten zurechtgewiesen wurde: „So schön wie Schiller es gesagt hat, kann ich es nicht. Aber was immer dieser Mann gesagt hat, richte dein Verhalten danach.“ Interview mit Simon Wiesenthal, Wien 1990. 64 Meyer-Timpe, Ulrike: Nur die Alten bleiben. Auf den Spuren jüdischen Lebens in der heute ukrainischen Stadt Czemowitz. In; Die Zeit, Nr. 44, 24. Oktober 1997. 65 Burg, Josef: „Ein verspätetes Echo. A farspetikter echo“. Jiddische Geschichten aus der Bukowina in einer Auswahl des Autors. München 1999. Vgl. dazu auch Die Gemeinde, August 1999, S. 46. 66 Lichtblau: Als hätten wir dazugehört. 100