Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah

JÜDISCHE IDENTITÄTEN NACH DER SHOAH von Helga Embacher Die Shoah wurde für Opfer, aber auch für Täter, Mittäter und Zuschauer zu dem identitätsstiftenden Ereignis.' „Nichts mehr schien wie früher, das Weltvertrauen war eingestürzt“, und wie der Schriftsteller Günther Anders fortführ, „vernichtete Hitler selbst nachträglich unser Leben.“* 2 3 Das Erbe, das Überlebende mitzutragen hatten, war geprägt von Demütigung, Verfolgung, Entwürdigung und Ermordung. Viele erhofften sich daher von der Gründung eines jüdischen Staates die Vermitt­lung einer positiven Identität. Der 1948 ausgerufene Staat Israel wurde von Über­lebenden nicht nur als letzte Zufluchtsmöglichkeit im Falle einer neuen Verfolgung empfunden, seine erfolgreiche Gründung galt auch als Beweis für die Lebensfähig­keit des jüdischen Volkes. Israel stellte aber zugleich alle Juden, die weiterhin in der Diaspora um Assimilation bemüht waren, vor das Problem der doppelten Loyalität. Zudem hatte die Existenz eines jüdischen Staates letztendlich eine Ab­wertung der Diaspora zur Folge, indem die zionistischen Staatsgründer einen neuen Menschen, den wehrhaften, zur körperlichen Arbeit zurückgekehrten Juden, propa­gierten und Juden außerhalb Israels als passiv, charakterlich schwach und unter­würfig zeichneten.2 Europa wirkte auf jüdische Überlebende wie ein einziger Friedhof. Lebten 1937 auf diesem Kontinent inklusive der Sowjetunion rund 20 Millionen Juden und Jüdinnen, so wurden 1946 weniger als vier Millionen gezählt. Durch Überalterung, Assimilation und Emigration sank die Zahl der jüdischen Minderheit in Europa bis 1994 auf 1,9 Millionen.4 Das jüdische Volk wandelte sich nach der Shoah von einem europäischen zu einem amerikanisch-asiatischen; vor dem Krieg lebten zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung in Europa, nach der Shoah drei Viertel in den ' Vgl. Friedländer, Saul: Die Shoah als Element in der Konstruktion israelischer Erinnerung. In: Babylon 2 (1987), S. 10-22. Young, James E.: Beschreiben des Holocausts. Frankfurt am Main 1992, Meyer, Michael: Jüdische Identitäten in der Moderne. Frankfurt am Main 1992. 2 Anders, Günther: Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966. Nach „Holocaust“ 1979. München 1985, S. 8. 3 Embacher, Helga: Neubeginn ohne Illusionen. Juden in Österreich nach 1945. Wien 1995, S. 84 f.; Zertal, Idith: From Catastrophe to Power. Holocaust Survivors and the Emergence of Israel. Berkeley-Los Angeles-London 1998. 4 Wasserstein, Bernhard: Vanishing Diaspora. The Jews in Europe since 1945. Cambridge MA 1996. 89

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