Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Walter Rauscher: Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit

abzutretenden Gebiete, sondern konsequenterweise auch für das Burgenland die Abhaltung eines Plebiszits. Im August 1919 bekam der Streit auch eine militärische Dimension, als magyari­sche Freikorpseinheiten das Burgenland besetzten, Austrophile verfolgten und wie­der die ungarische Verwaltung installierten. Wien wollte Volkswehr- und Gen­darmerieeinheiten ins strittige Gebiet entsenden, die Horthy-Regierung gab sich martialisch und ignorierte praktisch die Bestimmungen des Friedens von Saint-Ger­main vom 10. September 1919, die das Burgenland Österreich zusprachen. Den Ungarn kam dabei zugute, daß sich die Entente-Mächte die Burgenlandfrage als Faustpfand für allzu laute deutschnationale Anschlußgelüste in Österreich behielt und zudem die Gefahr des Bolschewismus in Ungarn nun gebannt war. Auch ge­wisse konservative Kreise in Österreich wollten nun nicht mehr das Klima zu Un­garn wegen des ökonomisch nicht allzu bedeutenden Burgenlands vergiften. Tat­sächlich gaben nicht wenig selbst deutschsprachige Grundbesitzer im Burgenland den Weiterverbleib des katholischen Landes bei Ungarn den Vorzug - aus Furcht vor einer sozialpolitisch und ökonomisch ungeliebten Einverleibung durch das „Rote Wien“. Die ungarische Regierung versuchte in Verhandlungen mit dem Ballhausplatz die Burgenlandfrage noch vor dem Frieden von Trianon zu ihren Gunsten zu regeln. So stellte sie etwa eine Wirtschaftsunion mit dem hungernden Österreich in Aussicht. Gleichzeitig plante man, in Österreich einen innenpolitischen Rechts­ruck voranzutreiben. Monarchistische Gruppen wie die „Vereinigung für Ordnung und Recht“ wurden zum Sturz des republikanisch-demokratischen Systems in Österreich finanziell unterstützt. Renner hatte sich dagegen entschieden, mit der Tschechoslowakei gegen Ungarn zu kooperieren. Seine geheimen Abmachungen mit Edvard Benes in Prag im Jänner 1920 sahen demgemäß die Zusammenarbeit gegen Restauration und Revision vor. Prag wollte im Gegenzug Österreich in der Burgenlandfrage unterstützen, wenn sich die Erste Republik an die Bestimmungen des Pariser Friedensvertragswerkes halte9. Die offene ungarische Königsfrage beunruhigte nicht bloß die Staaten der Kleinen Entente sondern auch Österreich. Man hielt dabei nicht nur die Rückkehr der Habsburger für möglich. Die österreichische Gesandtschaft in Budapest bekam auch Gerüchte zu Gehör, wonach die Hohenzollern den Thron besteigen oder so­gar eine ungarisch-rumänische Personalunion unter König Ferdinand als Ausweg gegen den die beiden Staaten umgebenden „slawischen Gürtel“ projekiert würde. Auch von der Inthronisation eines italienischen Prinzen war die Rede. Ungarn wie Österreich befürchteten die Bestrebungen Prags und Belgrads nach einem „Slawischen Korridor“, einer auf den kroatischen Sprachinseln basierenden territo­rialen Verbindung von Nord- und Südslawen, von der das Burgenland und östlich daran anschließende Teile Ungarns betroffen gewesen wären. Als Mittel gegen Re­stauration, Revision und Irredenta konnte die Kleine Entente Österreich auch nützlich sein. An einer totalen Einkreisung Ungarns wollte sich die Erste Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit s Geheimprotokoll vom 12. 1. 1920 in: ADÖ 3/410; Rauscher, Walter: Karl Renner. Ein österreichi- scher Mythos (Wien 1995) 207-211. 40

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