Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Walter Rauscher: Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit

DIE AUSSENPOLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN ÖSTERREICH UND UNGARN IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT von Walter Rauscher Das Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn von 1918 bis 1938 stand im Schatten großer mitteleuropäischer Machtfragen: des Pariser Friedensvertrags­werkes und dessen Revision, der Habsburger-Restauration, des Projekts einer Donaukonföderation, der Auseinandersetzung zwischen demokratischem System und Totalitarismus sowie zu guter Letzt des Anschlusses Österreichs an Deutsch­land. Die Auflösung der staatsrechtlichen und dynastischen Verbindung zwischen Österreich und Ungarn im Zuge der epochalen Umwälzungen am Ende des Ersten Weltkriegs vollzog sich im Herbst 1918 in den bekannten Schritten: Am 21. Oktober konstituierte sich im niederösterreichischen Landhaus in der Herrengasse - ent­sprechend der Aufforderung durch das Völkermanifest Kaiser Karls - die Proviso­rische Nationalversammlung Deutschösterreichs durch die deutschsprachigen Ab­geordneten des alten Reichsrates, in beiden Hauptstädten bildeten sich selbstän­dige Regierungen, Kaiser Karl verzichtete am 11. November in Schönbrunn auf die Regierungsgeschäfte für die westliche Reichshälfte der alten zugrundegehenden Donaumonarchie, während tags darauf vor dem Parlament in Wien die Republik Deutschösterreich ausgerufen wurde. Am 16. November verkündete schließlich der Reichstag die Loslösung Ungarns von Österreich, den Thronverlust des Hauses Habsburg und die Errichtung der Ungarischen Volksrepublik1. Die Proklamationen der unabhängigen ungarischen Republik wie der Republik Deutschösterreich im Herbst 1918 waren Ausdruck des Siegeszuges der National­staatsidee. Sie bedeuteten aber auch die Absage an die alte Herrschaftsstruktur. Die Dynastie der Habsburger galt durch den negativen Ausgang des Weltkrieges gemeinhin als völlig diskreditiert. Die Unabhängigkeitserklärungen markierten zu­dem den vorübergehenden Sieg der fortschrittlich bürgerlich-demokratischen Kräfte über die konservativ-monarchistischen Eliten. Die Entwicklung in Ungarn verlief dabei in den ersten Jahren weit blutiger als in Österreich. Zusammenstöße bildeten in der Alpenrepublik trotz ebenfalls vorhandener tiefer weltanschaulicher * Zum militärischen Verlauf des Umsturzes in Budapest und Wien vgl. Richard Plaschka, G. - Haselsteiner, Horst und Suppan, Arnold: Innere Front. Militärassistenz, Widerstand und Um­sturz in der Donaumonarchie 1918. Bd. 2 (Wien 1974) 247-288; 316-328; zum politischen Verlauf: Koch, Klaus - Rauscher, Walter und Suppan, Arnold (Hg.): Außenpolitische Dokumente der Republik Österreich 1918-1938 (ADÖ). Bd. 1: Selbstbestimmung der Republik. 21. Oktober 1918 bis 14. März 1919 (Oldenbourg, Wien/München 1993) 37

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