Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Die Pottendorfer Garn-Manufaktur wurde ihm versprochen, daß er als Leiter der Bank (Aufsicht über die Unterdirektion) angestellt werden würde. Dazu kam es jedoch nicht. Noch bevor er nach Wien zurückkehrte, wurde ihm die Vollmacht, die er als Vertreter der Bank innehatte, entzogen. Aufgrund des heutigen Standes der Forschung über diese Bank, ist es unmöglich die Gründe dafür sicher anzugeben. Ohne weiteres kann man aber sagen, daß er in industrielle Spionage verwickelt war, über die die Bankdirektion nicht unterrichtet war. Industriespionage war zwar nichts Außergewöhnliches für diese Zeit und war als solches nicht unehrwürdig7. Trotzdem könnte dies ein Grund für den Vertrauensverlust gegenüber Kolbielsky gewesen sein. Daß er Geschäfte für sich privat machte, dürfte für die Bankbehörden auch bedenklich gewesen sein und sie an die schlechte Erfahrung, die sie mit Henning Friedrich Bargum, dem Gründer der Bank gemacht hatten, erinnert haben. Bargum, der im Oktroy, das für diesen Zweck erteilt wurde, als Großhändler genannt wurde, übernahm die Direktion der Bank anscheinend zur selben Zeit, wie er eine auf die Namen von zwei seiner Söhne lautende Großhandlung führte. Diese Geschäftsverbindung war kein Geheimnis, würde aber heutzutage als ein „conflict of interests“ angesehen werden. Ob diese Verbindung Bargum irregeführt hat oder nicht - klar ist, daß er nach nur sehr wenigen Jahren aus Wien mit 200 000 fl. entfloh, die er durch veruntreute Wechsel erworben hatte8. Was schon über Kolbielsky gesagt wurde, niemals wurde er einer Veruntreuung beschuldigt. Aber auf seiner Reise versuchte er auch verschiedene Geschäfte auf eigene Rechnung auszuführen. Er wollte z. B. ein galizisches Gut mit einem Wert von 1, 500 000 fl. für eine verwitwete Inhaberin veräußern9. Nebenbei wollte er sich in ein großes Getreidegeschäft einlassen, da in England eine „Kornnoth“ herrschte. Ein Engländer in Hamburg übergab ihm 25 000 fl. in Wechseln, die die Hälfte des Betrages für den Weizen, der über Danzig nach England transportiert werden sollte, darstellten. Diese Wechsel übergab er der Oktroyirten Bank, daß sie sie einziehen sollte und nach Krakau als Teilzahlung an den Verkäufer, einen jüdischen Kaufmann überweisen sollte. Da Kolbielsky wenig Vertrauen in den jüdischen Kaufmann legte, ordnete er an, daß die Bank nur 23 000 fl. und zwar dem dortigen Kreishauptmann überweisen sollte, der dann das Geld nach Verschiffung des Weizens abgeben sollte. Dem Kaufmann war es unmöglich, den Weizen zu beschaffen und deswegen wollte natürlich der Engländer sein Geld zurückbekommen. Der kaiserliche Kreishauptmann stahl aber einen Teil des ihm anvertrauten Geldes. Dadurch war es der Bank unmöglich, dem englischen Gläubiger Kolbielskys die auf ihn ausgestellten Wechsel zu bezahlen10. Solche verwickelten Geschäfte, die nur einen Teil der Tätigkeit außerhalb seiner Verpflichtung gegenüber der Bank darstellten, mögen für den Verlust des Vertrauens der Bank verantwortlich gewesen sein. Daß die Möglichkeit bestand, daß die „Chefs“ der Bank wegen seiner „Privatangelegenheiten“ ihm gegenüber 7 Weber, Wolfhard: Industriespionage als technologischer Transfer in der Frühindustrialisierung Deutschlands, ln: Technikgeschichte 42 (1975), S. 287-305. 8 HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 118, fol. 255; Rager, Fritz: Die Wiener Commerzial-Leih- und Wechselbank (1787-1830). Wien, 1918, S. 65, S. 118. 9 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 10-11. 10 Ebenda, NL Kolbielsky, 10. September 1805. 113