Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

DIE POTTENDORFER GARN-MANUFAKTUR von Herman Freudenberger Eine der größten Fabriken des europäischen Festlandes, die Pottendorfer Spinnfa­brik der k. k. priv. Garn-Manufaktur Gesellschaft, wie sie in den Akten formell ein­getragen ist, begann ihren Werdegang im Jahre 1801. Das Hauptverdienst dafür gebührt dem Baron Karl Friedrich Glave Kolbielsky', der für die Anwerbung des englischen Mechanikers John Thornton verantwortlich war. Als er Thornton durch einen Vertrag verpflichtete nach Wien zu kommen, um englische Spinnmaschinen herzustellen, war Kolbielsky mit der Oktroyirten Wiener Commerzial-, Leih- und Wechselbank verbunden, deren Haupteigentümer einige Aristokraten, vor allem Fürst Joseph II. Schwarzenberg, waren. Wir haben es hier mit zwei hochinteressanten institutionellen Formen zu tun, die beide einen wichtigen Beitrag zur industriellen Entwicklung der Habsburgermonar­chie leisten konnten. Eine war die Bank mit einer verhältnismäßig neuartigen Struktur, basierend auf Aktieneinlagen mit beschränkter Haftung, wie sie sonst kaum in Europa vorzufmden war. Die andere war die althergebrachte grundeigentümliche Aristokratie, die sich mehr als sonstwo industriellen Unternehmungen widmete. Die Forschung ist bis jetzt noch nicht weit genug fortgeschritten, daß die Zusammenar­beit dieser beiden Formen beschrieben und analysiert werden könnte. Sie kann hier nur angedeutet werden, bildet aber den Rahmen für die Erörterung der Gründung und der vermeintlichen internen Organisation der Pottendorfer Garn-Manufaktur, einem großen Unternehmen für seine Zeit, das mit einer Investition von 500 000 fl. allein für Maschinen angefangen hat. Vor allem wird sich diese Untersuchung mit der Anwerbung des Fachmannes befassen, der für die Entwicklung der Fabrik un­entbehrlich war und sie bis 1843 leitete. Da keine Akten der Fabrik von den ersten Jahren (und wahrscheinlich auch nicht von den folgenden Jahren) erhalten sind, muß man versuchen, die Organisation durch indirekte Methoden zu eruieren. Dies wird hier auf Basis eines detaillierten Vorschlags versucht, den Kolbielsky Heinrich XÏÏT. Fürst von Reuss unterbreitete, um in dessen Fürstentum eine große Gamfabrik zu errichten. Die von Fürst Schwarzenberg zu errichtende Fabrik, die spätere Pottendorfer Garn-Manufaktur, war das Muster dafür. Wie die Bank bei der Gründung und dem Fortgang der Pottendorfer Fabrik im einzel­nen beteiligt war, steht bis jetzt noch nicht fest. Nach einer Urkunde aus dem Jahre 1824 war die angebliche Eigentumsrolle der Bank gegenüber der Fabrik nicht mehr als eine 1 Vgl. Bittner, Ludwig (Hrsg ): Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Bd. 2. Wien 1937 (Inventare österreichischer staatlicher Archive V/5/2), S. 198-200. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Sonderband 3/1997 111

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