Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches
Angesichts günstigerer außenpolitischer Verhältnisse in Westeuropa war Wien jedoch nicht gewillt, die einmal gemachten Zugeständnisse aufrecht zu erhalten und zeigte sich im Sommer 1848 bereit, Ungarn militärisch zu unterwerfen. Der Kaiser erhob den Vorwurf, der ungarische Landtag habe mit der Genehmigung des Geldes zur Aufstellung einer Landesverteidigung die Pragmatische Sanktion verletzt und müsse daher Einschnitte bezüglich der April- Gesetze hinnehmen. Das Ministerium Batthyány war zu Zugeständnissen bereit, Kossuth hingegen forderte die Verteidigung des Landes. Diese Situation führte am 10. September 1848 zum Rücktritt des Ministeriums Batthyány. Am 15. September ging die Regierungsgewalt vom Landtag auf den von Kossuth und den Radikalen beherrschten Landesverteidigungsausschuss über.35 Am 2. Dezember wurde Ferdinand V. abgesetzt, an dessen Stelle der junge Franz Joseph I. trat, der - von der Preßburger Zeitung begrüßt - von Ungarn als König nicht anerkannt wurde. Nun wurde in Ungarn der Kampf gegen die Kamarilla und für den - von dieser angeblich entmachteten - König, ausgerufen. Allerdings zeigten sich schon Ende 1848 in Ungarn unterschiedliche Bewertungen der Situation. Gemäßigte Politiker - Anhänger der sogenannten Friedenspartei - waren nicht bereit, Kossuth in seinem radikalen Kurs zu unterstützen und warben anstatt einer militärischen Auseinandersetzung für einen Kompromiss mit Wien. Auch sprachen sie sich für eine Anerkennung Franz Josephs I. aus. In der Forschung wurde in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die Magyaren die Bedeutung der nationalen Bestrebungen der Nichtmagyaren in Ungarn verkannt und falsch eingeschätzt hatten.36 So hätten sie sich selbst in ihrem Kampf gegen die Reaktion isoliert und die Nichtmagyaren auf die Seite ihrer Feinde getrieben. Anstatt in ihren Bestrebungen gegen den Absolutismus eine europäische Bedeutung zu erlangen, hätten sie so nur einen Kampf für politische und wirtschaftliche Hegemonie und eine magyarische Suprematie in Ungarn gefochten.37 Stattdessen machte man sich innerhalb der Wiener Regierungskreise vermehrt Gedanken über die Lösung der nationalen Gleichberechtigung innerhalb der Monarchie.38 Alle diese Vorschläge nährten die Hoffnung der Slowaken auf eine bessere nationale Zukunft, sollte der Kaiser siegreich aus den Wirren hervorgehen. Schließlich jedoch setzten sich gegen diese Vorschläge, die in verschiedenen Formen eine Loslösung der slowakischen Bezirke vorsahen und daher auch insgesamt eher für eine Föderalisierung der Monarchie eintraten, Windischgrätz und magyarische altkonservative Kreise mit einer zentralistischen Lösung durch. 35 Zur Beschreibung der Situation siehe auch Dušan Škvarna, Septembrové ozbrojené povstanie roku 1848. In: Dejiny Slovenska III (od roku 1848 do konca 19. storočia) Bratislava 1992, S. 64ff. Dort auch S. 65 die sich verschärfende Situation im Oktober. 36 Etwa Dušan Škvarna, Septembrové ozbrojené povstanie roku 1848. In: Dejiny Slovenska III (od roku 1848 do konca 19. storočia) Bratislava 1992. 37 Škvarna (1992) S. 67. 38 Siehe die kaiserliche Deklaration oder auch die Vorschläge von J. Mailáth, L. Rosenfeld und F. Kulmer. Zu diesen Vorschlägen siehe Škvarna (1992) S.68/69. 36