Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

2 Methodische und analítische Grudnlagen

hätte sich jede Bevölkerungsgruppe innerhalb dieser Kriterien wiederfinden kön­nen, um ihre Vorstellung von Nation zu beschreiben bzw. die eigene Zugehörigkeit zur ungarischen Nation zu untermauern. So hätten sich Deutsche und Slowaken unter Beachtung der ersten beiden Kriterien durchaus als „Ungarn“ angesprochen fühlen können. Die Äußerungen zumindest in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts belegen, dass sie dies auch taten. Doch wurde gerade auch in dieser Zeit von magyarischer Seite die Fähigkeit zur Eroberung und damit ein Aspekt der Geschichte betont, der Deutsche und Slowaken aus dem Kreis der Nation nach und nach verdrängen musste. Die verschiedenen Zugänge zu den Begriffen und Inhalten von „Volk" und „Nation“ lassen sich somit auch auf unterschiedliche Denkvorstellungen zurück­führen, wie sie den Ideen Rousseaus einerseits und Herders oder auch des jun­gen Goethe andererseits entsprangen. Rousseau orientierte sich mit seinen Vorstellungen eines nationalen Charakters an den Stadtstaaten der Antike. Herder oder der Goethe des Sturm und Drang dagegen vertraten eher Vorstellungen, die die nationalen Wurzeln der Völker im Mittelalter lokalisierten. Aus diesen Vorstellungen entwickelten sich einerseits eher territoriale und ander­erseits eher ethnische Konzepte der politischen Nation. Smith widerspricht Kohn, der das neoklassizistische Model auf den westlichen Teil Europas und das nativistische vor allem auf den östlichen Teil beschränkt sah.25 Beide Modelle könne man demnach in Ost und West finden. Dies scheint sich auch für Ungarn zu bestätigen. Vor allem zwischen Magyaren und Deutschen scheinen sich diese „östlichen“ und „westlichen“ Vorstellungen von „Nation“ im 19. Jahrhundert gegenüber gestanden zu haben. Jedoch beweisen vor allem auch die unter­schiedlichen Strömungen innerhalb der magyarischen Bewegung vor der Revolution von 1848, dass Nationalismus auch ethnische und nicht-ethnische Elemente in sich vereinen kann und sich die Gewichtungen zwischen den beiden verändern können. Schließlich möchte ich hier noch kurz auf Aspekte der Arbeiten von Breuilly und Hroch eingehen, die sich mit Einteilungen innerhalb der Nationsbildungs­prozesse beschäftigen. Breuilly versucht in seinem Konzept, nationalistische Bewegungen zu typologisieren.26 So geht er zum einen aus von solchen, die sich gegen Nationalstaaten richten und solchen gegen Staaten, die selber noch keine nationalstaatlichen Ideen entwickelt beziehungsweise verwirklicht haben. Hinzu kommt zum anderen die Art der Bewegung, die auf Abtrennung, Reform oder Vereinigung zielen kann. Das Bestreben der Magyaren beispielsweise ord­net Breuilly ein als gegen einen Nicht-Nationalstaat gerichtet mit dem Ziel der Abtrennung von diesem. Aufgrund fehlender wirtschaftlicher und infrastruk­tureller Entwicklungen bezweifelt Breuilly die Ausbildung eines politischen Nationalismus bei den Slowaken. Ich neige jedoch dazu, aufgrund der zahl­25 Siehe hierzu die Erklärungen bei Smith, Anthony D., National Identity, London 1991, 80ff. 26 Siehe Breuilly, John: Approaches to Nationalism. In: Balakrishnan, G (Hg.): Mapping the Nation, London 1996, S. 166. 24

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