Karl Alfred von Zittel: Handbuch der Palaeontologie. 1. Abtheilung, Paleozoologie. I. Band: Protozoa, Coelenterata, Echinodermata und Molluscoidea (München und Leipzig, 1880)

Einleitung - I. Begriff und Aufgasbe der Palaeontologie

1 2 Begriff und Aufgabe der Palaeontologie. Versteinerungen. Unter Versteinerungen verstellt man die­jenigen Ueberreste oder Spuren von Pflanzen und Thieren, welche vor Beginn der jetzigen geologischen Periode in die Erdschichten gelangten und daselbst erhalten wurden. Die Versteinerungen nennt man häufig auch Fossilien (von fossilis was gegraben wird) und namentlich in den Ländern mit romanischen Sprachen stehen die Worte fossils, fossiles, fossili etc. fast ausschliesslich im Gebrauch. Seitdem man aufgehört hat auch nutzbare Mineralien und Erze Fossilien zu nennen, lässt sich gegen diese Bezeichnung keine triftige Einwendung erheben, dagegen verdient das früher vielfach gebrauchte Wort Petrefakte aus sprachlichen Gründen (als vox hybrida) beseitigt zu werden. Umwandlung in Stein, welche das Wort Versteinerung andeutet, ist nicht unerlässlich für den Begriff eines fossilen Ueberrestes. Es gibt vollständig versteinerte Organismen (Blätter in Kalktuff, incrustirte Knochen etc.) welche nicht zu den Versteinerungen gezählt werden und anderseits sind z. B. die im sibirischen Eis eingefrorenen Leichen von Mammuth und Rhinoceros, die von Bernstein umhüllten Insekten ächte Versteinerungen, obwohl bei den ersteren Fleisch, Haut und Haare fast unversehrt erhalten blieben und auch bei den letzteren keine Spur von mineralischer Einwirkung zu bemerken ist. Ebenso wenig, wie vom Erhaltungszustand ist der Begriff einer Ver­steinerung davon abhängig, ob irgend ein fossiler Ueberrest einer bereits erloschenen oder einer noch jetzt lebenden Art angehört. Die überwie­gende Mehrzahl der Versteinerungen rührt allerdings von ausgestorbenen Arten oder selbst Gattungen her, allein man kennt namentlich aus den Ablagerungen der jüngeren geologischen Erdperioden zahlreiche ächte Versteinerungen, welche mit lebenden Formen identisch sind. Die Fauna des rothen Crags von Suffolk in England enthält z. B. 60 Percent lebende Conchylien-Arten und in den jungtertiären Bildungen Italiens können die lebenden (recenten) Formen bis auf 90 — 94 Percent steigen. Obwohl die meisten fossilen Arten gleichzeitig erloschene Arten sind, so kennt man doch auch ausgestorbene Thiere und Pflanzen (Rhytina Stelleri, Alca impennis, Didus ineptus), welche nicht zu den Versteinerungen ge­rechnet werden dürfen. Es liefern demnach weder der Erhaltungszustand noch die Beziehun­gen zur jetzigen Lebewelt zuverlässige Anhaltspunkte zur Erkennung einer Versteinerung. Das einzig entscheidende Kennzeichen liegt in ihrem Alter. Man rechnet alle Ueberreste oder Spuren von Pflanzen oder Thieren, mögen sie von ausgestorbenen oder noch lebenden Arten her­rühren, zu den Versteinerungen, wenn sie aus Schichten stammen, welche vor der jetzigen Erdperiode gebildet wurden.

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