Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Gebäude - Werner Kitlitschka: Die Treppenhausgemälde im Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Die Treppenhausgemälde im Haus-, Hof- und Staatsarchiv 57 Geschichte und Bedeutung des Hauses allen Besuchern eindrucksvoll vor Augen zu führen. Mit Schreiben vom 15. März 1902 legte der k. k. Oberingenieur Heinrich Holzeland namens der Bauleitung für den Neubau des k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs dem Hofbaucomité eine Farbskizze des Malers Carl Josef Peyfuss für ein Deckengemälde im Stiegenhaus zur Genehmigung vor. Der im niederösterreichischen Maria Enzersdorf wohnhafte Künstler, ein Schüler Julius von Bergers, Sigmund L'Allemands und Franz Rumplers, sah in dieser Skizze das von vier Putti getragene Porträt der Kaiserin Maria Theresia vor. Die Ausführung sollte mit Ölfarben auf Putzgrund innerhalb des vorgegebenen Stuckovals erfolgen. Holzeland wies nachdrücklich darauf hin, das skizzierte Deckengemälde bilde „im Hinblick auf den monumentalen Charakter des Gebäudes einen nothwendigen Schmuck der Stiegenhausdecke". Die von Peyfuss gewählten Motive seien laut diesen Ausführungen von einem Deckengemälde aus den alten Räumen des Archivs in der Hofburg bezogen worden, das Maria Theresia als Gründerin dieser Institution gewidmet war. Das hierfür notwendige Künstlerhonorar von 1.200 Kronen könnte laut Holzeland insoferne aus dem Baufonds übernommen werden, als „durch eine sehr einfache nur im Tone ohne jede Vergoldung gehaltene Malerei im Stiegenhause" entsprechende Einsparungen gegeben seien. Vorschlagsgemäß erteilte das Hofbaucomité mit Schreiben vom 21. März 1902 den Auftrag für das Maria-Theresia-Medaillon, Peyfuss verpflichtete sich am 17. April 1902 zur Fertigstellung bis Ende Mai desselben Jahres. Der 1865 in Wien geborene Maler Carl J. Peyfuss besaß zur Zeit dieser Auftragserteilung bereits beträchtliches künstlerisches Ansehen. Peyfuss, der sich vor allem als Wandmaler sehr unterschiedlichen Aufgaben und Erwartungshaltungen flexibel anzupassen wußte, entwickelte seinen späthistorischen Stil aus Impulsen der Wiener Malerei der achtziger Jahre und bestimmten Anregungen der französischen Kunst, die er während eines Parisaufenthaltes 1889/90 empfangen hatte. In den Jahren 1897/98 hatte Carl J. Peyfuss die Fassadenmalereien am Berndorfer Stadttheater geschaffen und 1898 Lünettenbilder im Festsaal des Wiener Justizpalastes ausgeführt. 1897 entstanden im neueingerichteten Winterrefektorium des Zisterzienserklosters Zwettl zwei Wandgemälde mit Themen aus der Gründungslegende. In den Jahren 1899 bis 1903 gelang Peyfuss die ästhetisch harmonische Integration monumentaler Kreuzwegfresken in die barocke Formenwelt der Seitenkapellen der Stiftskirche von Klosterneuburg. Mit dem ovalen Deckenbild im Treppenhaus des Haus-, Hof- und Staatsarchivs war Carl J. Peyfuss ein wohl relativ kleinformatiges, hinsichtlich seiner Positionierung und ikonologischen Funktion jedoch essentielles Werk übertragen worden. Den Archivbesuchern sollten und sollen die Geschichte und Bedeutung des Hauses ebenso wie die Umstände der Gründung und des Neubaues mittels Schöpfungen der bildenden Kunst als künstlerisch-ästhetische Erlebnissequenzen vermittelt werden. Während die Eintretenden im Vestibül durch die Marmorstatue Maria Theresias von Edmund Hellmer und die von Josef Kassin geschaffene Porträtbüste Kaiser Franz Josephs als den Figurationen der Gründerin und des Bauherren gewissermaßen empfangen werden, schildern zwei große Ölgemälde von Carl J. Peyfuss an den Stiegenhauswänden die Archivgründung durch Kaiserin Maria Theresia und den Einweihungsbesuch Kaiser Franz Josephs im Jahre 1904. Das am 19. Februar 1903 in Auftrag gegebene und noch im selben Jahre fertiggestellte Bild an der Stiegenhauswand rechts will darstellen, was es in dieser Form nie gegeben hat: den feierlichen Gründungsakt im Jahre 1749. Zur Rechten der bildbeherrschenden Mittelfigur Maria Theresias, die auf mit einem Purpurteppich belegten Stufen steht, huldigen die Herolde von Österreich, dem römisch-deutschen Reich, Böhmen, Ungarn und Burgund. Zur Linken der ein kostbares Goldbrokatkleid tragenden Monarchin sind der erste Hausarchivar Taulow von Rosenthal, der Staatssekretär und