Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Gebäude - Elisabeth Springer-Manfred Wehdorn: Der Baubestand
52 Der Baubestand 4. In den Geschossen VI, IX und XI zeigt sich eine höchst interessante Allegorie: In der Mitte befindet sich eine Muschel, zu ihren Seiten je ein Delphin und Lorbeerstäbe. Im Schild, dem Regalnumerierung und Geschoßnummer zu entnehmen sind, erkennen wir in kleinen Rundmedaillons Dreizack und Arche Noah. Der Dreizack steht normalerweise für Neptun, gemeinsam mit Muschel und Delphin ist damit wohl das Meer gemeint; in höherem Sinn vielleicht das „wildbewegte Meer der Zeit". Die Arche Noah ist als Vorbild für das Archiv anzusehen, beide gewähren Schutz vor den drohenden Gefahren. Es ist das feste Haus, das alles Bedrohte auffängt und bewahrt. Im sechsten Geschoß wurden auch die Bestände des Geheimen Hausarchivs gelagert. Zwischen den einzelnen Regalen finden sich doppelflügelige Gittertüren, die die Kaiserkrone und die Initialen Kaiser Franz Josephs mit Lorbeerzweigen tragen. 5. Neben den Normregalen gibt es an den Wänden am Übergang vom Verwaltungstrakt zum Magazin und an beiden Seiten der Feuermauer zwischen Mittel- und Seitenrisalit noch weitere, schmälere Stellagen, deren Stirnseiten ein eigenes Motiv tragen: Klio als Muse der Geschichtsschreibung mit ihren Attributen Urkundenrolle, Feder und Bleistift. Zur Bautechnik „Klio als Muse der Geschichtsschreibung", Dekoration der Stellagen an den Seiten der Wände zwischen Mittel- und Seitenrisaliten Das Gebäude des Haus-, Hof- und Staatsarchivs ist ein herkömmlicher, zur Gänze unterkellerter Ziegelbau mit Putzfassaden. Von besonderem Interesse ist allerdings die Eisenkonstruktion des Magazintraktes. Sie besteht aus 96 Gitterstehern, die gleichzeitig die Vertikalträger der Aktengerüste bilden. Im Keller ruhen sie auf mächtigen, mit Portlandzementmörtel gemauerten Ziegelpfeilern auf. In Richtung der wachsenden Belastung, also vom Dach zum Erdgeschoß hin, vergrößern sich die Querschnitte der Steher und sind in den einzelnen Geschossen durch Diagonalstreben abgesteift. Die Steher tragen die eisernen Gitterroste, welche die Fußböden bilden, und gleichzeitig auch die waagrechten Aktenborde. Durch dieses System sind die Außenwände nicht belastet, alle Kräfte werden unmittelbar auf die Pfeiler im Keller übertragen. Der Berechnung der Konstruktion wurde eine Maximalbeanspruchung des Materials (basisches Flußeisen) von 1.000 kg/cm2 zugrunde gelegt. Die Ermittlung der Nutzlasten erfolgte durch die Adaption der einzelnen Auflasten bei Annahme eines Papiergewichts von 645 kg/m2 und einer Verkehrslast von 300 kg/m2 auf den Gängen. Besondere Beachtung wurde schon zur Zeit der Errichtung dem Sicherheitssystem, vor allem dem Brandschutz, geschenkt. Die Decken des fünften und des achten Geschosses sind massiv und feuerbeständig und liegen auf dem Gerüst auf. Sie wurden als sogenannte „Wiener Platzln" (Preußische Kappen), das heißt aus Ziegelgewölben, die sich zwischen gewalzten Eisenträgern spannen, ausgeführt. Die Böden dieser Geschosse sind in Beton gegossen und mit Steinholz (Xylolith) belegt. Die schmiedeeisernen Roste der anderen Böden bestehen aus hochkant gestellten in Rahmen gefaßten Flachschienen, die Schlitze der Roste verlaufen hierbei senkrecht zu den Fenstern, um einen möglichst ungehinderten Lichteinfall zu gewährleisten. Zwei eiserne Treppen mit geraden, einen Meter breiten Läufen verbinden die Geschosse untereinander. Die Geschosse V und VIII sind zur Feuersicherheit mit selbstschließenden eisernen Türen versehen. Für die Archivalienförderung wurde in beiden Sälen - jeweils im Stiegenbereich - ein ursprünglich handbetriebener eisengepanzerter Aufzug eingerichtet. Historischer Detailplan der Eisentreppe im Magazintrakt, Firma Ignaz GridI (Blaupause)