Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Gebäude - Elisabeth Springer-Manfred Wehdorn: Der Baubestand
50 Der Baubestand Betritt man vom Verwaltungstrakt das Magazin, sieht man sich noch heute den beiden Türen aus der Errichtungszeit gegenüber, einer Vortür aus Holz und einer massiven Eisentür, die dem Brandschutz diente. Dahinter erstreckt sich ein langer Gang, der sich durch die gesamte Länge des Magazintraktes zieht. Von diesem Mittelgang aus gelangt man in die kurzen „Quergassen", die von den Regalen gebildet werden. Die Regale sind Eisenkonstruktionen, ihre Stirnseiten sind musterartig durchbrochen. Diese Gestaltung dient nicht nur dekorativen Zwecken, sondern ermöglicht auch die Luftzufuhr zu den Archivalien. Die Tafel, welche die Signatur aufweist - sie besteht aus einer römischen Zahl, die das Geschoß bezeichnet, und aus einer arabischen, die das Regal angibt - ist in ein jeweils anderes allegorisches Motiv eingeordnet. Die Fensterwände wurden bewußt von Gerüsten freigelassen. An ihnen entlang laufen zahlreiche eiserne Konsolen, die zur Ablage der entnommenen Akten dienen. Abweichungen von diesem Raumprogramm bestehen im dritten und sechsten Geschoß, im dritten wurde eine Abteilung zur Aufnahme der Urkundenbestände geschaffen. Das Geschoß besitzt die geringste Erhebung über dem Straßenniveau, einer Tatsache von der man sich die Möglichkeit eines schnellen Rettungstransportes im Gefahrenfall erhoffte. Wann und wie es zum heutigen Urkundengeschoß kam, läßt sich im Detail nicht zurückverfolgen. Die Unterbringung der Urkunden in den heutigen Kassetten war Gegenstand langer Überlegungen und vieler Versuche. Die endgültige Konstruktion ging auf Vorschläge des Archivars R. Anthony von Siegenfeld zurück, dessen Vorbild die Archiveinrichtung in tragbaren Kisten von Wilhelm Putsch aus dem Jahr 1547 (!) war, da sich das System auch bei den Flüchtungen der Urkunden 1805, 1809, 1813 und 1866 bewährt hatte. Die endgültige Lösung sah Kästen aus Eisenblech vor, die je zwei Kirschholzladen enthielten. Zur Aufnahme der Kisten dienen mit geringen Abweichungen dieselben Eisengerüste, wie sie auch im restlichen Magazinbereich verwendet wurden. Im sechsten Geschoß brachte man einen Austeilungsraum unter, in dem die wertvollsten Stücke des Archivs präsentiert wurden. Da dieser Bereich vom ersten Geschoß des Verwaltungsbaus unmittelbar zugänglich ist, erschien er verständlicherweise für diese Verwendung besonders geeignet. Das Regalsystem wurde für diese Zwecke adaptiert. Der Raum zwischen den Vertikalträgern wurde in einem Drittel horizontal unterteilt, die oberen zwei Drittel hat man als Vitrine gestaltet. Das untere Drittel, mit Metalltüren verschließbar, enthält seichte Laden, in denen man die Sammlungen von Siegelabgüssen und Siegelstempeln aufbewahrt. Die Stirnwand wird von wandhohen Vitrinen für wechselnde Ausstellungen eingenommen. Die Fensterbrüstungen tragen Pultvitrinen. Vom übrigen Geschoß ist der Ausstellungsraum durch Eisengitter abgetrennt. Durch eigene Gitter abgetrennt wurden auch die sechs Boxen an der Straßenseite, da in ihnen die Akten und Korrespondenzen des Kaiserhauses aufbewahrt wurden. Die künstlerische Ausstattung Die Bauplastik an der Fassade, aber auch jene im Inneren geht zum Teil auf Entwürfe von Otto Hofer zurück und entstand spätestens Anfang 1900. Daraus kann gefolgert werden, daß Hofer schon vor der Planung für das Haus-, Hof- und Staatsarchiv gewisse Entwürfe erstellt hatte, die wohl ursprünglich für den „Ministerial-Gebäude-Trakt Minoritenplatz" gedacht waren. Mit der Planung der künstlerischen Ausstattung im Innenbereich begann man erst Mitte 1902. Für die Ausschmückung der Prunkstiege ging die Initiative einmal mehr von Goluchowski selbst aus: Bei einer Besichtigung des Hauses am 31. Juli 1902 wies er darauf hin, daß im Stiegenhaus Kunstwerke angebracht werden müßten, etwa eine Büste Franz Josephs am ersten Stiegenabsatz und ein Medaillon oder eine Büste Maria