Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)

Gebäude - Elisabeth Springer-Manfred Wehdorn: Zur Baugeschichte des Haus-, Hof- und Staatsarchivs

ses Projekt offensichtlich streng unter Verschluß gehalten. Ein Neubauplan für den „Minoritentrakt" lag jedenfalls um 1895 vor, als Kostenpunkt wurden 300.000 fl. genannt, ansonsten fehlen jegliche Angaben. Das Auseinanderklaffen von Idee und Realisierung zog sich noch einige Jahre hin, da nach außen hin vom Außenministerium nachdrücklich die Meinung vertreten wurde, man habe keinen unmittelbaren Bedarf für einen Neubau. Immerhin war die letzte Vergrößerung und Adaptierung des Ministerial-Gebäudes erst 1882 abgeschlos­sen worden. Auch wäre man bei allen Ausgaben für das gemeinsame Außenministerium von der Zustimmung der Ungarn abhängig, die wohl kaum ein Sonderbudget allein für die Stadtverschönerung von Wien flüssig machen dürften. Durch einen Vorstoß von ganz anderer Seite wurde eine neue Überlegung in die Sache eingebracht. Mit 29. Oktober 1898 erhielt Gustav Winter über das Außenministerium den strikten „Räumungsbefehl" des Obersthofmeisteramtes bezüg­lich aller Räume des Hauptarchivs im Reichskanzleitrakt. Als Ersatz wurden Räume im Erdgeschoß und im 2. Stock des Michaelertraktes angeboten, die Übersiedlung sollte im Frühjahr 1899 vor sich gehen. Winter besichtigte die Räume, stellte ihre Archivuntaug­lichkeit fest und verfaßte umgehend zwei entsprechende Stellungnahmen an das Ministerium. Die nächste Äußerung zum Thema „Umzug des Hauptarchivs" in Akten­stücken vom 10. und 12. Dezember 1898 zeigte bereits eine völlig neue Situation. Offenbar kam es in den vier oder fünf Wochen zwischen Ende Oktober und Anfang Dezember zu einem entscheidenden Umdenken. Eine ausführliche Stellungnahme des Außenministeriums mit Gutachten der Dikasterial-Gebäude-Direktion im Interesse des Finanzministeriums vom Oktober 1898 legte nochmals alle Momente um das Problem Minoritenplatz dar und befürwortete die Errichtung eines eigenen Gebäudetraktes im Anschluß an das bestehende Gebäude und unter Beibehaltung der barocken Gesims­höhen. „Die Lage der neuen Gebäudefront nahezu gegen Norden wäre insbesondere für die Zwecke des lithographischen Institutes des Catasters günstig". Am 10. Dezember 1898 kam Kanzleidirektor Hofrat Wilhelm Mittag von Lenkheym im direkten Auftrag Goluchowskis zu Gustav Winter. Zunächst konnte er mitteilen, daß die drohende Übersiedlung des Archivs bis zum Frühjahr 1900 hinausgeschoben wor­den war. Bei Mittags neuerlichem Besuch am 12. Dezember wurde offensichtlich zum ersten Mal die Möglichkeit eines Archivneubaus an Stelle der vom Central-Mappen- Archiv und vom Lithographischen Institut genutzten Bauten mit allen geforderten äuße­ren Bedingungen besprochen. Die schwierige Frage der Finanzierung sollte durch neu­erliche Heranziehung des Stadterweiterungsfonds als Geldgeber gelöst werden. Viel Zeit für prinzipielle Überlegungen blieb den damaligen Archivaren nicht: Baurat Franz Pokorny vom Außenministerium begann noch am selben Vormittag mit der Vermessung aller dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten. Bei der ersten offiziellen Bausitzung am 3. Jänner 1899 unter dem persönlichen Vorsitz des Ministers Goluchowski wurde die Zusage des Stadterweiterungsfonds zur Finanzierung bestätigt und bekanntgegeben, der Neubau könne im November des glei­chen Jahres bezogen werden (I). Als Winter auf die schädliche Baufeuchtigkeit hinwies, erwiderte der Minister, „die moderne Technik verfüge über Mittel zur raschesten und vollkommensten Austrocknung und es werde keines dieser Mittel unangewendet blei­ben". Immerhin konnte Winter erreichen, daß er und Pokorny eine Reise zu bekannten Archivneubauten in Deutschland unternehmen durften. Größere Bibliotheken und Archive orientierten sich in ihren Neubauten damals an der Neueinrichtung der Bibliothek des British Museum, die 1854-1857 erfolgt war. Das dort angewandte „Magazinsystem" fand auch am Kontinent und in Archivbauten, deren Bedürfnisse denen der Bibliotheken ähnlich sind, zunehmend Verbreitung. Es bestand im weitestgehenden Verzicht auf architektonische Repräsentation und der Trennung der Räume, in denen die Bestände untergebracht wurden, das heißt den „Magazinen", und jenen Räumen, die der Verwaltung und wissenschaftlichen Auswertung gewidmet 44 Zur Baugeschichte des Haus-, Hof- und Staatsarchivs

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