1100 Jahre österreichische und europäische Geschichte in Urkunden und Dokumenten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1949)
1100 Jahre österreichische und Europäische Geschichte - Transkriptionen und Erläuterungen
96. 1872 Juli 29, Wiesbaden. Kaiser Wilhelm I. schreibt an Kaiser Franz Joseph I.: er wiederholt den Dank für den inAussicht stehenden Besuch Franz Josephs in Berlin und teilt ihm mit, daß der Zar Alexander 11. von Rußland ebenfalls nach Berlin eingeladen wurde, da er den Wunsch danach zu erkennen gegeben habe und mit Recht in einer Entre-Vue der drei Kaiser den Beweis der aufrichtigen Friedenspolitik der drei Kabinette und die sicherste Gewähr für den Frieden der Welt sehe. Orig.-Pap., 2 Blätter: (23 b x 28 h), Blatt 2r. —- Faksimile etwas verkleinert. Druck des Konzeptes: Die große Politik der Europäischen Kabinette 1871—1914. 1, 1927, S. 200. Vgl.: Hermann Oncken, Das Deutsche Reich und die Vorgeschichte des Weltkrieges, 1, 1933, S. 137. Der Brief ist eigenhändig. Am 11. September 1872 weilten der österreichische und der russische Kaiser in Berlin, „eine Zusammenkunft, die ein Bündnis ohne geschriebene Verpflichtungen bedeutete'1. Zwischen den Ministern der drei Herrscher, Bismarck, Gortschakow und Andrässy, fanden eingehende Besprechungen statt. mir bekannten Gesinnungen keinen Augenblick zwei/feln dürfte, den Kaiser von Rußland eingeladen, gleich/zeitig mit Dir mein Gast in Berlin zu sein. Ich werde / mich freuen von Dir zu hören, daß ich dabei in Deinem / Sinne gehandelt habe. Indem ich Deiner erlauchten Gemahlin die / Hand küsse, verbleibe ich in aufrichtiger Freundschaft Dein treuer Freund 97. Wilhelm [Grill] 1878 Juli 13, Berlin. Kaiser und König Franz Joseph I., der deutsche Kaiser Wilhelm /., der Präsident der französischen Republik, Königin Viktoria von Großbritannien, König Humbert von Italien, Kaiser Alexander II. aller Reußen und Sultan Abdul-Hamid II. schließen einen Vertrag über die Ordnung der orientalischen Verhältnisse; in 64 Artikeln wird dabei unter anderem bestimmt: Artikel 1: Bulgarien wird autonomes aber tributpflichtiges Fürstentum unter der Oberherrlichkeit des Sultans. Artikel 25: Bosnien und Herzogowina werden von Österreich besetzt und verwaltet. Artikel 26: Montenegro wird unabhängig. Artikel 34: Serbien wird unabhängig. Artikel 43: Rumänien wird unabhängig. Artikel 58: Die Türkei tritt an Rußland Ardahan, Kars und Batum ab. Artikel 61—62: Reformen in der Türkei. Ong.-Perg., Druck, Buchform, 23 Blätter: (23bx 38 h) ,a = Blatt 2r, b = Blatt 23r. — Einband: roter Samt.-— Faksimile verkleinert. Drucke: Reichsgesetzblatt für die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder 1879, Nr. 43. — Das Staatsarchiv 34, S. 277 ff. — Neumann 16, S. 766ff. Regest: Bittner, Verzeichnis, 3, S. 308 n. 4159. Ratifikationen durch: Kaiser Franz Joseph 1878 Juli 26, Wien; Kaiser Wilhelm I., 1878 Juli 29, Berlin ;den Präsidenten der französischen Republik, 1878 Juli 23, Paris; Königin Viktoria, 1878 .Juli 27, Courtof Osborn; König Humbert, 1878 Juli 24, Turin; Kaiser Alexander II., 1878 Juli 15/27Zarskoje Selo (sämtliche Orig.: Wien, Haus-, Hof- und Staatsarchiv), — Protokoll über den Austausch der Ratifikationen mit Ausnahme der türkischen 1878 August 3, Berlin, der türkischen Ratifikation 1878 August 28, Berlin. Da der Sultan seit dem Krimkriege (siehe Nr. 86) trotz wiederholter Versprechungen nichts für die Besserstellung seiner christlichen Untertanen (volle Religionsfreiheit) und die Durchführung verschiedener Reformen unternommen hatte und ein neuerlicher Vermittlungsvorschlag der christlichen Mächte durch einen Verfassungsentwurf des Großwesirs beantwortet wurde, der keinerlei sichere Bürgschaft bot, erklärte der Zar am 24. April 1877 der Türkei den Krieg. Die Türken unterlagen, und die Russen bedrohten bereits Konstantinopel; da trat England, um diese Stadt nicht in die Hände der Russen fallen zu lassen, für die Türkei ein und schickte eine Flotte vor Konstantinopel. Daraufhin schloß Rußland mit der Türkei am 3. bzw. 17 März 1878 den Frieden von San Stefano. Nachdem Österreich bereits am 5. Februar die Mächte zu einer Konferenz zur Ordnung der Angelegenheiten nach Wien eingeladen hatte, änderte es nun (7. März) seine Aufforderung zu einer Konferenz in die zu einem Kongreß der leitenden Staatsmänner in Berlin. Es bedurfte aber noch schwieriger Verhandlungen, ehe England und Rußland sich über die Grundlagen geeinigt hatten und der Kongreß am 13. Juni 1878 in Berlin eröffnet werden konnte. Die Friedensartikel von San Stefano erfuhren teilweise zuungunsten Rußlands einige Abänderungen. a: Blatt 2r AU NOM DE DIEU TOUT—PUISSANT. / Sa Majesté l’Empereur d’Autriche, Roi de Boheme, etc. et Roi Apostolique de / Hongrie, Sa Majesté l’Empereur d’Allemagne, Roi de Prusse, le President de / la République Francaise, Sa Majesté la Reine du Royaume—Uni de la Grande Bretagne et dTrlande, Impératrice des Indes, Sa Majesté le Roi d’ltalie, Sa / Majesté l’Empereur de toutes les Russies et Sa Majesté 1’Empereur des Ottomans, désirant regier dans une pensée d’ordre Européen conformément aux stipulations / du Traité de Paris du 30 mars 1856, les questions soulevées en Orient par les / événements des derniéres années et par la guerre dönt le traité préliminaire / de San Stefano a marqué le terme, ont été unanimement d'avis que la reunion / d’un Congrés offrirait le meilleur moyen de faciliter leur entente. / Leurs dites Majestés et le Président de la République Fran9aise ont, en / conséquence, nőmmé pour leurs Plénipotentiaires savoir: / SA MAJESTE L’EMPEREUR D’AUTRICHE, ROI DE BOHEME, ETC. 101