Manfred Fink (Hrsg.): Das Archiv der Republik und seine Bestände. Teil 1 : Das Schriftgut der 1. Republik und aus der Zeit von 1938 bis 1945 (1996)

Gruppe 04: Inneres/Justiz (Rudolf Jerabek’, Heinz Placz) - Gaupersonalamt des Gaues Wien "Gauakten"*

Bestandsgruppee 04 Archiv der Republik sein dürften, reicht der territoriale Wirkungskreis - entgegen den Intentionen der NS- Machthaber - weit überGroß-Wien hinaus. Personen aus dem gesamten ehemaligen österreichischen Bundesgebiet sind ebenso betroffen wie jene aus den 1939 ange­gliederten südböhmischen und südmährischen Gebieten, nickgesiedelte Volksdeutsche aus dem Südosten Europas, Südtiroler und Rücksiedler aus der ganzen Welt. Vereinzelt gibt es "Sachakten" bzw.”Sammelakten", die sich aufPersonengruppen (Firmenbeleg­schaften, Angehörige einer Berufsgruppe) beziehen. Der Bestand ist gemäß den geltenden Bestimmungen des Österreichischen Staatsarchivs für die Forschung zugänglich. Bestandsgeschichte: Als sich 1945 die Front Wien näherte, war dieses trotz allem nicht nur Gauhauptstadt, sondern geistiger Zentralort für den Bereich der "Alpen- und Donaugaue", vor allem für letztere, geblieben. Dem österreichischen Widerstand hatte dabei die persönliche (vor allem auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet ausgeübte) Machtpolitik Baldur von Schirachs in die Hände gespielt. Gerade angesichts des territorialen Betreffs der Wiener "Gauakten" mußte den NS-Machthabern im Gauhaus (dem österreichischen Parlamentsgebäude) die Vernichtung der personenbezogenen Akten ein Anliegen sein. Ein Anliegen, das im Übereifer des Aprils 1945 keine Erfüllung fand. Die Heizanlagen des Parlaments wurden so vollgepfercht, daß nur eine (anhand von erhalten gebliebenen Karteikarten vermutbare) spezielle, großteils sachbezogene Geheimaktenserie der Vernichtung anheimgefallen sein dürfte, während die Personen­akten so gut wie vollständig erhalten blieben. Nach der Eroberung Wiens durch die Rote Armee gelang es dem Innenministerium, die Existenz der Gauakten vorerst zu verheimlichen. Die Beschlagnahme durch die Besatzungsmacht oder die kommunistisch orientierte Wiener Staatspolizei hätte - abgesehen von politischen Folgen - zur Verschleppung des Aktenbestandes führen können. Seitens der amerikanischen Besatzungsbehörden erfolgte 1948 die Übergabe der Erfassungsanträge, der Akten der Österreichischen Legion, des Flüchtlingshilfswerkes, desStudentenbundessowiederStammblättergefallenerundvermißterSS-Angehöriger an das Bundesministerium für Inneres. In den folgenden Jahren traten geringe Verluste nicht nur durch die seitens bestechlicher Beamter durchgeführte Beseitigung einzelner Akten ein, sondern wohl auch durch - stets dementierte - "Freundschaftsdienste" zugunstenpolitischerGesinnungsgenossen, die in der Korrektur (teilweisen Beseitung) oder Vernichtung ganzer Akten bestand. Immerhin spielte der Bestand eine - zweifellos überschätzte - Rolle als innenpolitisches Druckmittel, da es möglich schien, mit Hilfe dieser "Spitzelakten" dem politischen Gegner im Bedarfsfall eins ans Zeug zu flicken. Glücklicherweise wurde die immer wieder geforderte bzw. angekündigte Vernichtung der Gauakten niemals Realität. Gegen Ende des Jahres 1990 wurde der Bestand vom Bundesministerium für Inneres dem Archiv der Republik übergeben. Die Akten liegen nicht alphabetisch (außer der Aktenreihe der Erfassungsanträge), sondern in einer Zahlenserie, sodaß die Auffindung eines Aktes die Kenntnis der Aktenzahl voraussetzt. Die erhalten gebliebene originale Namenskartei wurde nach 1945 in die Kartei der 172

Next

/
Oldalképek
Tartalom