Folia Theologica 22. (2011)
Török Csaba: Inkulturation. Möglichkeiten und Grenzen eines Paradigmas II.
152 Csaba TOROK • Identitätsfrage: Man soll nachfragen, wie weit man die Identität der Kultur bewahren kann, wenn in ihren Postulaten solche Elemente aufzufinden sind, die nur schwierig oder gar nicht mit dem kirchlichen, in unserer Kultur fleischgewordenen Glauben in Einklang gebracht werden können. Daneben wird auch die folgende Frage gestellt: Wie weit ist unsere kirchliche Identität, unser christlich-katholisches Selbstbewusstsein europäisch? Sollte vielleicht auch diese Grundebene des kirchlichen Lebens (die Postulate der Kirche) in den Prozess De- kulturation/Inkulturation miteinbezogen werden? • Inchristianisierung: Wenn die Inkulturation ihr Ziel erreicht und die Kirche, der Glaube in einer bestimmten Kultur Fleisch geworden ist, bedeutet dies dann nicht, dass die betreffende Kultur auch inchristianisiert wurde? Wie ist die Beziehung zwischen Inkulturation und Inchristianisierung? Welche ist die stärkere Kraft? Was ist das Ziel des ganzen Prozesses? • Insozialisation: Bei einer puren Inkulturation besteht die Gefahr, dass man sein ganzes Interesse auf eine intellektuelle Kulturvorstellung richtet (im Sinne der griechischen paideia). Dabei geht aber die gesellschaftliche Dimension des Glaube-Kultur-Verhältnisses verloren. Der Glaube muss die Gesellschaft ansprechen, die Systeme des Unrechts aufdecken und Alternativen anbieten im Sinne seiner prophetischen Rolle oder seines Kontrastgesellschaftscharakters. Eine weitere Frage ist, wie weit dieser Prozess Auswirkung auf die sozialen Systeme innerhalb der Kirche haben muss. Dies sind die vier Aspekte, die unserer Meinung nach am meisten in der Diskussion über das Inkulturationsparadigma verloren gehen und denen eine außerordentliche Wichtigkeit zugeschrieben werden muss. Es ist auch klar, dass selbst die Inkulturation in dieser Perspektive nur eine Dimension eines viel weiteren und größeren Prozesses darstellt, die nicht mehr mit dem Etikett „Inkulturation“ zu bezeichnen ist. Die Inkulturation ist ein Konzept, das ohne diese Ergänzungen unfähig ist, das wechselseitige Verhältnis von christlicher Botschaft und Vielfalt der Kulturen adäquat zu beschreiben und ihm praktizierbare Modelle anzubieten.49 49 Mit anderen Worten: Die Inkulturation an sich kann aufgrund des reduzierten Kulturkonzeptes nicht als allgemeines Paradigma des Glaube-Kultur-Ver hä tlnisses dienen, vgl. Török, Cs., Der Geist Gottes in der Welt der Kulturen, in Folia Theologica 18 (2007) 299-344.