Folia Theologica 22. (2011)

Török Csaba: Inkulturation. Möglichkeiten und Grenzen eines Paradigmas II.

INKULTURATION 151 sind bis heute unberührt geblieben, die auch die Inkulturation der christlichen Botschaft benötigen würden: Theologie, Moral, lokale Riten usw. Was bis jetzt gemacht und offiziell zugelassen wurde (volk­sprachige Liturgien, folkloristische liturgische Elemente, heimliche Be­griffe im Wortgebrauch, die Verwendung der traditionellen Kleidung und Musik usw.) ist recht wenig und bewegt sich im Bereich der reinen Adaptation. Die ernst genommene Inkulturation sollte nicht nur die Ebene der Ausdrücke und Formen, sondern auch die der begrifflichen Strukturen, Postulate und Denk- bzw. Verhaltensmodelle angehen. 3. Die ernst genommene Inkulturation würde sich daher nicht nur auf die jungen Lokalkirchen, sondern auch auf die Kirchen von Europa auswirken, die nicht weniger eine neue Inkulturation benötigen als die Missionsländer. Mit anderen Worten: Die Inkulturation bedeutet, wenn sie ernst genommen wird, keine akzidentelle Betätigung einiger Beauftragter, sondern kennzeichnet die Identität der universalen Kirche, die die Inkulturation durchlebt. Wenn die Kirche das Inkultu­rationsparadigma ernst nimmt, dann soll sie sich bewusst sein, dass sie damit auch ihr Selbstbewusstsein ändern soll. Hierarchie, Dogmatik, Liturgie, Moral, Kirchenrecht können nicht unberührt bleiben, wenn das Paradigma ernst genommen wird. Wenn man Mut zu dieser Ernst- nehmung hat, dann muss man sich darauf vorbereiten, dass die ganze kirchliche Wirklichkeit sich umwandeln muss. Diese Ernstnehmung ist aber untrennbar vom Thema der Ergän­zung. Wenn ich sie ernst nehme, muss ich auch erkennen, dass sie zu ergänzen ist. Das Inkulturationsparadigma an sich sagt nur Folgendes aus: Die Lokalkirche muss ihr Fleisch aus der konkreten Kultur anneh­men. Damit dies wirklich gelingen kann, sollen auch weitere Schritte begangen werden, um den Prozess in seiner ganzen Wirklichkeit, in all seinen Dimensionen zu vollziehen: • Dekulturation: Diese Frage ist bis jetzt wenig reflektiert worden. Wie weit ist dieser Prozess überhaupt möglich? Was soll man in Fällen tun, wo der Glaubensinhalt nur schwierig oder gar nicht von den be­grifflichen Kategorien zu trennen ist?48 Was sind die Kriterien, die Methode der Dekulturation? Die Fragen sind so komplex, dass man für eine Antwort so viel über diesen Prozess sagen müsste wie über die Inkulturation selbst. 48 Wie zum Beispiel im Fall der Trinitätslehre.

Next

/
Oldalképek
Tartalom