Folia Theologica 22. (2011)

Török Csaba: Inkulturation. Möglichkeiten und Grenzen eines Paradigmas II.

148 Csaba TOROK Die letzte Frage, die wir formulieren möchten, lautet so: Wenn heute die Kirche bzw. das Christentum keinen solchen Selbstverteidigungs­mechanismus mehr auslöst, bedeutet das dann, dass unsere Glaubens­gemeinschaft mit ihrem Inkulturationsparadigma nicht mehr fähig ist, das Wesen der Kultur, die Ebene der Postulate zu berühren und sich so marginalisiert, indem ihre Praxis nur mehr die Oberflächen der kultu­rellen Wirklichkeit anspricht? 45 Verliert sich die Kirche durch die In­kulturation in der Zeit des Relativismus im Bereich des Akzidentalen, kann aber nicht mehr zur Bekehrung das Wesentliche hervorrufen? Wenn es so ist, wie weit ist dann das Paradigma daran Schuld, oder soll man den Fehler in der Haltung der kirchlichen Leitung suchen, die zu viel für unveränderbar hält und nur wenige wichtige Elemente für die Inkulturation freigibt? Konklusion Der Glaube steht im Kontakt mit der Kultur, besser gesagt: mit den Kul­turen. Die beiden Größen sind autonom, die eine ist der anderen nicht untergeordnet. Deswegen kann ihr Kontakt nur in Form einer voll­kommenen Anerkennung der Würde, der Unabhängigkeit und des Selbstbestimmungsrechts der anderen Seite wirklich zustande kom­men. Mit anderen Worten: Das Glaube-Kultur-Verhältnis muss einen dialogischen Charakter haben, ja, es muss im Sinne von Ecclesiam suam von Papst Paul VI. ein ehrlicher Dialog sein. Unter unserem Aspekt gesehen bedeutet dies, dass das Inkulturationsparadigma nur fähig ist, in der Welt der kulturellen Vielfalt die nötige Haltung der Kirche zu bestimmen, soweit es den Grundregeln des kulturellen Dialogs ent­spricht. Wir können also sechs conditiones sine quibus non formulieren: 1. Die Kirche soll die Kultur in ihrer Würde und Freiheit anerken­nen, ohne dass sie ein Recht auf die autoritäre Bestimmung der kul­turellen Wirklichkeit des Menschen formuliert. 2. Die Kirche kann keine ausschließlich aktive Rolle spielen, sie darf nicht nur Rednerin, sondern muss auch Hörerin sein. 3. Die Kirche muss sich bewusst sein, dass sie mit der Kultur nicht nur durch die Kunst, die Sprache, die Philosophie in Kontakt stehen 45 Zum Thema siehe Duquoc, C, La teológia in esilio. La sfida della sua sopravvi- venza nella cultum contemporanea (gdt Nr. 302), Brescia 2004. 21f.

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