Folia Theologica 21. (2010)
Fonk Peter: Sich dem unbegreifbaren Gott aussetzen. Sören Kierkegaards Kritika an der Hegelschen Trinitätsspekulation
SICH DEM UNBEGREIFBAREN GOTT AUSSETZEN 175 eines anderen bedarf? Es sei denn, man würde Gott unter das Gesetz der dialektischen Logik zwingen. Karl Barths Kritik an Hegel ist daher ganz im Sinne Kierkegaards verfasst, wenn er schreibt, „dass die Identifizierung Gottes mit der dialektischen Methode (...) eine kaum tragbare Einschränkung, ja Aufhebung der Souveränität Gottes besagt, die die Bezeichnung dessen, was Hegel Geist, Idee, Vernunft usw. nennt, als Gott erst recht fragwürdig macht. Dieser Gott, der Gott Hegels, ist mindestens sein eigener Gefangener."'6 Gott funktioniert, so wie es die Bewegung der Logik vorschreibt. Hegel selbst versteht seine Philosophie als Vollendung des christlichen Denkens, genauer: als dessen legitime Erbin. Anders lässt sich der Abschluss der Einleitung zu seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Religion" gar nicht verstehen: „Die geoffenbarte Religion ist die offenbare, weil in ihr Gott ganz offenbar geworden (...), es ist nichts Geheimes mehr an Gott."16 17 Deutlicher als mit Hegels eigenen Worten kann man den Kompetenzanspruch seiner Philosophie nicht definieren. Für Kierkegaard aber bleibt dieser Anspruch schlichtweg inakzeptabel. Sein grundsätzliches Bedenken gegen die Trinitätsspekulation Hegels und das Selbstverständnis seiner Philosophie lässt sich - und damit hätte man sich zugleich der von Kierkegaard selbst kultivierten Satire bedient - in einem einzigen Satz zusammenfassen: Offenbar weiß auf dem Boden der dialektischen Logik der Philosophierende über Gott besser Bescheid als dieser über sich selbst. Damit haben wir die Hegelkritik Kierkegaards und ihre aus dem Geist des lutherischen Christentums genährten Motive bis an ihren Ausgangspunkt zurückverfolgt. Dieses Unternehmen wird erschwert, weil die prinzipiellen Überlegungen Kierkegaards bzw. ihre systematische Kohärenz oft erst mühsam rekonstruiert werden müssen. Kierkegaard selbst zeigt sich für diese Arbeit nicht unbedingt kooperativ. Hegel ist zweifelsohne der Autor, auf den er sich am häufigsten bezieht und gegen den er sich immer wieder wendet. Die Hegelkritik zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Nirgends aber wird sie aus einer zentralen Gesamtschau angegangen. Allusionen sind in den 16 Barth, K., Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert, Zürich 198P 377. 17 Hegel, G. F. W., Vorlesungen über die Philosophie der Religion, in Hegel, G. F. W., Theorie Werkausgabe, XVI. 88.