Folia Theologica 19. (2008)

Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.

DIE LÄUTERUNG NACH DEM TOD 259 man in irgendeinem Sinn zeitlich nennen kann. Die traditionelle katholische Theologie hat letzteres angenommen. Sie hat das Eintreten des individuellen Todes mit einem eigenen Gericht und das Kommen Christi in Herrlichkeit mit der Auferstehung der Toten und dem let­zten Gericht als auch zeitlich voneinander zu unterscheidende Ereig­nisse betrachtet. Sie setzte voraus, dass im Zustand zwischen dem Tod und der Parusie bestimmte Dinge geschehen mit der vom Leib ge­trennten Seele: das individuelle Gericht, das endgültige Schicksal be­ginnt, sie macht, wenn nötig, eine Läuterung durch, die Läuterung geht zu Ende und schließlich wird die Seele sich mit dem Leib am let­zten Tag wieder vereinen. Diese Sichtweise betrachtet - das ergibt sich daraus von selbst - den Zwischenzustand als Zwischenzeit, die von bestimmten Zeichen der Zeitlichkeit gekennzeichnet werden, wie etwa Dauer, das Aufeinanderfolgen und objektive Messbarkeit. Dieses Modell legt nahe, dass die Zeitlichkeit des Seins nach dem Tod wie eine Fortsetzung zu denken ist, wie eine Verlängerung der irdischen Zeit unter anderen Umständen. Offenkundig ist es ein Fehler dieser Sichtweise, dass sie nicht in gebührender Weise mit der Wirkung rech­net, die die grundlegende Veränderung der Seinsweise auf die Zeit­lichkeit hat, die nach dem Tod eintritt. Die Eschatologie Ratzingers war ein bedeutender Schritt nach vorne in der Klärung der Zeitlichkeit des menschlichen Seins nach dem Tod. Die von ihm verwendeten Ausdrücke „memoria-Zeit", „dialogische Zeit" oder „anthropologische Zeit" kann man als Synonyme zum Begriff „Zeit des Herzens", wie es in der Enzyklika Spe salvi heißt, se­hen. Die Konzeption Ratzingers kann man in Bezug auf die zeitliche Natur der Läuterung nach dem Tod als Korrektiv zur „verklärten Zeit" von Lohfink betrachten, obwohl die Wurzeln seiner Überlegungen zeitlich vor der Debatte um die Eschatologie Lohfinks liegen.46 Rat­zinger stimmt mit der Grundannahme überein, dass die Zeitlichkeit des Seins nach dem Tod nicht einfach eine Verlängerung und eine Fortsetzung der physikalischen Zeitlichkeit des irdischen Seins sein kann, deswegen braucht die traditionelle Sicht „der Zwischenzeit" eine Korrektur: für die Deutung der Ereignisse in dieser Zwischenzeit, also 46 Lohfink, G., Zur Möglichkeit christlicher Naherwartung, in Greshake, G,- Lohfink, G., Naherwartung - Auferstehung - Unsterblichkeit. Untersuchungen zur christlichen Eschatologie (QD 71), Freiburg-Basel-Wien 1978, 54-64. Vgl. Nachtwei, G., Dialogische Unsterblichkeit, Leipzig 1986, 75 f.

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