Folia Theologica 19. (2008)

Puskás Attila: Die Läuterung nach dem Tod - Neue Gesichtspunkte in der Enzyklika "Spe salvi" von Papst Benedikt XVI.

242 PUSKÁS, Attila 3. Neue Akzente in der Deutung der Läuterung nach dem Tod in der Enzyklika Spe salvi Wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, vermeidet die päpstliche Enzyklika die rechtliche Terminologie und das rechtliche hermeneutis­che Modell. Damit vollzieht sie nicht nur eine Annäherung in Richtung östliche Tradition, sondern schließt sich auch einer Entfaltung der neueren katholischen Eschatologie an, die in der Deutung der Notwen­digkeit und des Wesens der Läuterung nach dem Tod die rechtliche Betrachtungsweise der Scholastik nicht als Maßstab sieht. Die heutigen Ansätze gehen nicht vom Blickwinkel der Strafe und Schuld oder der Genugtuung aus, sondern begründen und entfalten die Lehre der Läu­terung nach dem Tod anthropologisch. Rahner lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass der Mensch als Ein­heit von Leib und Seele wie ein mehrschichtiges Wesen existiert.20 Eine Entscheidung, die er als geistige Person getroffen hat, z.B. das Bereuen seiner Sünden und die Annahme der Vergebung Gottes, können nur langsam alle Schichten seines Seins durchdringen, seine Gefühls- und Triebwelt und den Zustand der ausgebildeten Gewohnheiten, und die­ser Prozess bringt unausweichlich Leiden mit sich. Die freie Annahme der Vergebung Gottes ist das Werk eines Augenblicks, aber die Integ­ration davon in das Ganze der menschlichen Persönlichkeit vollzieht sich in einem Läuterungs- und Reifungsweg. Im Purgatorium verdich­tet sich dieser Prozess und wird vollendet. Die Formulierungsweise der Enzyklika erinnert stellenweise an die Aussagen Rahners, die er über die Vielschichtigkeit der menschlichen Persönlichkeit geäußert hat. So lesen wir z.B. im Text: „Bei den allermeisten - so dürfen wir an­nehmen — bleibt ein letztes und innerstes Offenstehen für die Wahrheit, für die Liebe, für Gott im tiefsten ihres Wesens gegenwärtig. Aber es ist in den konkreten Lebensentscheidungen überdeckt von immer neuen Kompromissen mit dem Bösen - viel Schmutz verdeckt das Rei­ne, nach dem doch der Durst geblieben ist und das doch auch immer wieder über allem Niedrigen hervortritt und in der Seele gegenwärtig bleibt" (Nr. 46). Guardini formuliert so, dass für die Grundentschei­dung für Gott, die wir einmal getroffen haben, das ganze Leben aufge­20 Rahner, K., Bemerkungen zur Theologie des Ablasses, in Schriften zur Theologie, Bd. II., Einsiedeln-Zürich-Köln 1962, 185-210, besonders: 204-208; ders., Grundkurs des Glaubens, Freiburg i. Br. 1976, 424 f.

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