Folia Theologica 17. (2006)

Michael-Thomas Liske: Monotheismus bei Plotin

MONOTHEISMUS BEI PLOTIN 155 Einen als Prinzip die ganze Wirklichkeit der Welt implizit beschlos­sen. Als unausgedehnt ist der Mittelpunkt aber selbst keine geome­trische Figur (die notwendig eine ausgedehnte Fläche hat), ja ist uns streng genommen nicht einmal sichtbar und daher als er selbst nicht begreifbar oder faßbar. Sehr wohl aber läßt er sich als das kon­stitutive Prinzip überall in der Kreislinie fassen, die ohne ihn nicht das sein könnte, was sie ist. Ähnlich ist auch das Eine in sich selbst nicht als ein Seiendes oder als göttliches Wesen oder unter sonst ir­gendeinem Attribut zu erfassen, ist aber sehr wohl durch den aus ihm hervorgegangenen Geist und die aus diesem hervorgehenden Seelen auch in der von ihm begründeten geistigen göttlichen Natur zu erfassen. Daß das Eine nicht selbst Gott, sondern ein übergöttliches Prin­zip ist, ergibt sich, wenn Plotin unter 'theos' im Sinne der traditio­nellen griechischen Volksreligion, die er durchaus beachtete, ein personales Wesen, oder auch mit der philosophischen Tradition ein denkendes Wesen begreift. Das Verständnis von Gott als Geist kann sich auf eine lange philosophische Tradition berufen; über den Mittelplatonismus reicht sie bis auf Aristoteles, ja weiter bis auf Anaxagoras zurück. Besonders Aristoteles' Konzeption des Geistes hat Plotin aufgegriffen, hat freilich den voûç nicht mehr als höch­stes Prinzip, sondern als die zweite, aus dem ersten Prinzip hervor­gegangene Schicht oder Hypostase aufgefaßt. Plotins Kriterium, nach dem er seine ontologische Hierarchie aufbaute, ist das Maß der Vollkommenheit und (sachlich untrennbar damit verbunden) der ursächlichen Wirksamkeit. Beides aber gründet für ihn (wie wir bald näher sehen werden) in der Einheit und Einfachheit. Bereits Aristoteles ließ sich vom Gedanken der Vollkommenheit dazu be­stimmen, Gott als Denken des Denkens (vcnjcnç vofioeaiç) zu begrei­fen.2 Die Vollkommenheit verlangt, daß Gott nicht bloß als Denk­vermögen (voûç), sondern als aktuelles Denken gesehen wird. Fer­ner verlangt sie, daß Gott keinen von ihm verschiedenen Gegen­stand, sondern sich selbst denkt. Denn die Würde, die dem Denken aus der Dignität des Denkgegenstands erwächst, darf beim Höch­2 Zum Verhältnis von Aristoteles’ Gottesbegriff und Plotin vgl. John M. RIST, The One of Plotinus and the God of Aristotle, in: The Review of Metaphysics 27 (1973), 75-87.

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