Folia Theologica 17. (2006)
Michael-Thomas Liske: Monotheismus bei Plotin
FOLIA THEOLOGICA 17 (2006) 153 Michael-Thomas LISKE MONOTHEISMUS BEI PLOTIN Zunächst scheint die Frage nach einem Eingottglauben bei Plotin selbstverständlich beantwortbar zu sein und keine bemerkenswerten Probleme aufzuwerfen. Betont doch Plotin die unbedingte Einheit des ersten Prinzips. Dem Einen (ëv) lassen sich nicht einmal begrifflich unterschiedliche (göttliche) Attribute zuschreiben, die in einer realen Einheit koinzidieren. Vielmehr ist das Eine von vornherein durch eine in sich ununterschiedene Einfachheit gekennzeichnet. Aber kann ein derartig unfaßbares oberstes Prinzip überhaupt als ein persönlicher Gott gelten? Um in die Eigenart des Plo- tinischen Einen und der hier entspringenden negativen Theologie tiefer einzudringen, sollten wir zwischen einer immanenten und einer transzendenten Ursache unterscheiden. Bei der immanenten, innerweltlichen Kausalität ist die Ursache von grundsätzlich der gleichen Art wie das Verursachte, muß also selbst die Bestimmung aufweisen, die sie bewirken soll (causa univoca in der scholastischen Terminologie). Da jede innerweltliche Ursache ihrerseits einer weiteren Ursache bedarf, müssen wir, falls ein unendlicher Ursachenregreß vermieden und eine Letztbegründung erreicht werden soll, eine transzendente Ursache fordern, transzendent auch insofern, als sie all die zu verursachenden Bestimmungen transzendiert (causa aequivoca). Der locus classicus für diesen Gedanken, daß die Universalursache selbst die Bestimmungen nicht besitzt, die sie bei anderen verursacht, ist Platons Sonnengleichnis (Rep. VI 508a - 509b): Die Idee des Guten ist nicht bloß Ursache unseres Er- kennens sowie der Wahrheit (akfiöeux) der Dinge im Sinne ihres unverborgenen Sichoffenbarens oder ihres Erkanntwerdenkönnens, sondern auch Ursache jeden Seins, selbst aber steht sie jenseits des Seins (ercEiceiva xfjç oùcricxç, 509 b). Auf diese Stelle beruft sich die negative Theologie des Neuplatonismus immer wieder, wenn es etwa vom Einen heißt: So wie dieses jenseits des Geistes ist, so ist es auch jenseits des Erkennens (V 3: 12,47f). Die Stelle ist für die Frage des Gottesbildes insofern bedeutsam, als der Mittelplatonismus Gott als Geist verstanden hat. Will Plotin also sagen: So wie das Eine als Prinzip des Seins über das Sein hinausgeht, so