Folia Theologica 1. (1990)
Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?
GEWISSEN 83 In der Nummer 16 der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute steht dann der Text, an dem bis zum letzten Augenblick noch gearbeitet und geändert wurde: "Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott ... Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden in der Suche nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme, die im Leben des einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen. Je mehr also das rechte Gewissen sich durchsetzt, desto mehr lassen die Gruppen und Personen von der Willkür ab und suchen sich nach den objektiven Normen der Sittlichkeit zu richten. Nicht selten jedoch geschieht es, daß das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne daß es dadurch seine Würde verliert." Auch an diesem Text ist mit guten Gründen Kritik35 36 geübt worden; erstellt einen Kompromißtext dar, der aber immerhin Sinn zeigt für die wirkliche Problematik und der einer christlichen Ethik in ihrer weiteren Reflexion nun die Richtung weisen kann. Die Ethik als integrative Wissenschaft ist herausgefordert, die Kontinuität mit der eigenen großen Tradition zu wahren und diese mit den berechtigten Einsichten und Problemstellungen der modernen Anthropologie zu vermitteln. Vermutlich ist diese Aufgabenstellung bei der Gewissensproblematik von besonderer Dringlichkeit, denn nur ein Gewissensverständnis, das einerseits das Selbstverhältnis des Menschen auf einen festen Grund stellt und dennoch das detaillierte Wissen um menschliche Vollzüge inmitten der ständig sich wandelnden Lebensverhältnisse miteinbezieht, kann glaubhaft die Voraussetzung für die Bildung reifer Gewissen schaffen; nur eine solche Gewissensbildung befähigt den Menschen, inmitten der zunehmenden sozialtechnischen Manipulation seine Eigenständigkeit stets neu zu erringen und seine Würde im Vollzug zu bewähren. 35. Vgl. GS Nr. 16 passim. 36. Vgl. J. RATZINGER Kommentar zur Pastoralkonstitution über die Kirche in der Weh von heute, in: LThK Ergänzungsband III, 328-331.