Folia Theologica 1. (1990)
Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?
GEWISSEN 75 absolute Güte, die nun auch die Einsicht eröffnet, daß ich in jeder ethischen Frage zwischen Gut und Böse unbedingt zu entscheiden habe. Die Unbedingtheit des Anspruchs, das Gute zu wählen, kann nicht aus den gewählten Gegenständen mit begrenzter Güte erklärt werden; sie gründet im Vertrauen auf eine unbedingte Güte in der Berührung mit dem Absoluten.23 Dieses Urvertrauen ist nicht etwas, zu dem man sich beliebig entscheiden könnte oder das man zufällig durch gute Eltern in die Wiege gelegt bekommen hat oder nicht, sondern vielmehr die seinsmäßige Voraussetzung, die jeder Entscheidung innewohnt. Es ist schlechterdings kein wirklich sittlicher Einsatz denkbar, der nicht nach dieser Grundstruktur vorgeht, die allen praktischen Sätzen innewohnt. Andernfalls würde der Mensch ja sich selbst widersprechen, d.h. etwas als erstrebenswert wollen, weil und insofern es nicht erstrebenswert, d.h. gut ist. Der Bezug zwischen den in der Skizze mit dem Dreieck biologisches, psychologisches und soziologisches Gewissen umschriebenen hetero- nomen Instanzen unserer Lebensverhältnisse und dem Urgewissen kann nun mit der Vorsilbe "Ge-" im Begriff "Ge-wissen" als Miteinander-Wissen zum Ausdruck gebracht werden. Funktionsgewissen (conscientia) ! Urgewissen (syneidesis) Dieses Zusammen-Wissen der beiden Ebenen geschieht im Gewissensvollzug auf eine doppelte Weise: Einmal beim Planen uns überlegen einer Handlung in einem letzten praktischen Urteil und ein andermal in der Überprüfung dieses Urteils. 23. Vgl. H. KÜNG, Existiert Gott? München 1978, 490-526