Folia Theologica 1. (1990)

Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?

GEWISSEN 67 dieser Tradition in der Neuzeit zusammenfassen, weil ich dann im zweiten Schritt gerade an Thomas anknüpfen werde bei dem Versuch, ein Gewissenskonzept systematisch zu entfalten, das der großen abend­ländischen Tradition gerecht wird, aber dennoch berechtigte Momente der Kritik in der Neuzeit integrieren kann. Dieser systematische Vesuch muß sich in einem abschließenden dritten Schritt bewähren bei der Lösung aktueller Probleme wie beispielsweise der Gewissensüber­prüfung und bei der Findung von Kriterien, die die rechte Berufung auf das Gewissen von der mißbräuchlichen unterscheiden helfen. I. Historische Zusammenfassung Bei Thomas von Aquin finden wir bereits einen in sich differezierten Gewissensbegriff. Vermutlich wurde durch einen Schreibfehler im Eze­chielkommentar des Hieronymus (PL 25,22) aus dem griechischen Wort "syneidesis" für "Gewissen” die Vokabel "synteresis”.9 Nun standen plötzlich zwei Begriffe für das Gewissen im Raum: diese Neu­bildung "synteresis" und die lateinische Übersetzung von syneidesis - conscientia. Mit diesem doppelten Begriff vom Gewissen mußten sich nun alle Scholastiker auseinandersetzen. Unter "synteresis” versteht Thomas jene ursprüngliche Moralitätsfä­higkeit des Menschen, die als Bedingung der Möglichkeit in jede sittli­che Überlegung und Entscheidung miteingeht, ohne gegenständlich losgelöst vom konkreten sittlichen Vollzug erfahren und vorgewiesen werden zu können. Dieses Urwissen des Menschen um Gut und Böse und der unbedingte Anspruch, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, enthält noch keine konkreten Inhalte, sondern gibt gleichsam das Koordinatensystem vor, in dem etwas als gut und menschlich oder als böse und inhuman überhaupt erst erfahren werden kann. Es handelt inhaltlich sich um das oberste Prinzip der sittlichen Vernunft, daß das 9. Man kann über den Sinn dieser Freud’schen Fehlleistung spekulieren und an eine Assoziation an die Lehre vom Seelenfünklein bei Origenes denken oder an das stoische Bewahren (terein) des naturgemäßen Zustandes oder an das terein = bewahren der Gebote bei Jes Sir 32,2; vgl. H. EBELING, Meister Eckeharts Mystik, Stuttgart 1941,239-268; J. STELZENBERGER, Syneidesis, conscientia, Gewissen, Paderborn 1963, 81-84.

Next

/
Oldalképek
Tartalom