Folia Theologica et Canonica 1. 23/15 (2012)

IUS CANONICUM - Joseph Gehr, Die Förderung der affektiven Reife in der Seminarausbildung. Eine unerlässliche Voraussetzung zur Vorbereitung auf das zölibatäre Leben des Priesters

DIE FÖRDERUNG DER AFFEKTIVEN REIFE IN DER SEMINARAUSBILDUNG 237 wortung dafür zu übernehmen, Lösungen für auftretende Schwierigkeiten aus­zuarbeiten; die Unfähigkeit zur Anpassung hingegen bringt das Vorherrschen negativer Gefühlserlebnisse mit sich: Gefühle der Feindseligkeit, der Abhängig­keit, sozialer Ungleichheit und gleichzeitig das Vorherrschen nicht bewältigter Probleme“3*. Hinsichtlich der sexuellen Reife stellen die zitierten „Leitgedanken“ fest, dass bei einer reifen Person der Geschlechtstrieb zwei typische Formen der Unreife überwunden hat: die autoerotische Fixierung und die homoerotische Neigung. Nach diesem ersten folge ebenso notwendig das zweite Stadium, d. h. jene Entwicklungsstufe, in der die Liebe als gegenseitiges Geschenk und nicht als einseitige Selbstsuche gelebt werde. Eine reife Sexualität könne nicht ohne Kampf, ohne Verzicht und ohne Schwierigkeiten erreicht werden. Es komme darauf an, die menschliche Geschlechtlichkeit zu integrieren, d. h. sie als einen menschlichen Wert zu betrachten und nicht als etwas Negatives oder als Hin­dernis für die Entfaltung der Person. Ihr innerer Wert müsse erfasst und ange­nommen werden, nicht zuletzt im Sinne der Hingabefähigkeit. Eine gute Selbst­kontrolle bzw. Selbstzucht sei für die Reifung der Persönlichkeit unerlässlich. Die dynamische Struktur des Menschen sei somit schon von sich aus auf ein aszetisches Verhalten ausgerichtet, das einen sehr positiven Charakter habe36 37. Durch die „Instruktion über Kriterien zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen“ hat die Kongregation für das katholische Bildungs­wesen festgestellt, dass in gravierenden Fällen, d. h. bei Männern, die Homo­sexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen besitzen oder eine homosexuelle Kultur unterstützen, der Weg zum Priesteramt versperrt ist38. Es fehlt an der erforderlichen sexuellen Reife, die für das zölibatäre Leben un­erlässlich ist. Der sexuelle Missbrauch von Kindern (Pädophilie) und jungen Menschen (.Ephebophilie) hängt weder mit dem Zölibat noch mit affektiver Unreife zu­sammen. Es liegt eine psychische Störung, näherhin eine Störung der Sexual­präferenz vor, die ein derartiges Fehlverhalten auslöst39. Die gängige Annahme, dass der Zölibat Ursache für sexuellen Missbrauch sei, dürfte abwegig sein. Aus statistischen Untersuchungen geht hervor, dass der Prozentsatz von katho­lischen Klerikern, die sich des genannten Vergehens schuldig gemacht haben, verschwindend gering ist. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass sexueller Missbrauch in solchen Fällen besonders tragisch und folgenschwer ist. Bei der 36 Kongregation Unterrichtswesen, Leitgedanken, Nr. 20,24. 37 Vgl. Kongregation Unterrichtswesen, Leitgedanken, Nr. 21-23, 24-27. 38 Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Instruktion über Kriterien zur Be­rufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen [VApSt 170], 8. 39 Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Pädophilie (Stand: 10. Juni 2012).

Next

/
Oldalképek
Tartalom