Folia Theologica et Canonica 1. 23/15 (2012)
IUS CANONICUM - Joseph Gehr, Die Förderung der affektiven Reife in der Seminarausbildung. Eine unerlässliche Voraussetzung zur Vorbereitung auf das zölibatäre Leben des Priesters
DIE FÖRDERUNG DER AFFEKTIVEN REIFE IN DER SEMINARAUSBILDUNG 235 diesen Sachverhalt. Was ist also zu tun, um den in can. 247 § 1 CIC formulierten Erziehungsauftrag wirksam erfüllen zu können? Im Folgenden werden einige Orientierungspunkte aufgezeigt25. 1. Unterscheidung der Begriffe In den „Leitgedanken für die Erziehung zum priesterlichen Zölibat“, die 1974 von der Kongregation für das Katholische Unterrichts wesen [sic!] im Anschluss an das päpstliche Rundschreiben „Sacerdotalis caelibatus“26 veröffentlicht worden sind27, scheint eine gewisse Hierarchie der Begriffe auf. Der Begriff „menschliche Reife“ steht für die Gesamtheit aller reifen menschlichen Gedanken und Gefühle. Die „affektive Reife“, d. h. die „Reife des Gefühlslebens“, erscheint aufgrund der Reihenfolge der Darstellung als Teil der gesamtmenschlichen Reife. Sie impliziert insbesondere die menschliche Emotionalität, das Gefühlsleben in seiner Gesamtheit. Eine dritte Ebene ist in der „sexuellen Reife“ des Menschen erkennbar, die im Zusammenhang mit dem affektiven Leben eine besondere Bedeutung gewinnt28. 2. Systematischer Ort der Erziehung zur affektiven Reife im Gesamt der Priesterausbildung Das Apostolische Schreiben „Pastores dabo vobis“ unterscheidet vier Dimensionen der Priesterausbildung: die menschliche, die spirituelle, die wissenschaftliche und die pastorale Dimension29. Die Erziehung zur affektiven Reife ist dem 25 Vgl. ergänzend die Beiträge in: Seminarium. Paedagogia caelibatus sacerdotalis, unter anderem Gianola, P., Pedagógia formativa dei celibato sacerdotale. Necessità, programma e metodo, in Seminarium 1 (1993) 60-76. 26 Paulus VI, Litt. Enc. Sacerdotalis caelibatus (24 iun. 1967): Enchiridion Vaticanum, 2. arts. 1-99, nn. 1415-1513(1186-1257). 27 Vgl. Kongregation für das Katholische Unterrichtswesen, Leitgedanken für die Erziehung zum priesterlichen Zölibat, Rom 1974. Nr. 1,7. 28 Vgl. Kongregation Unterrichtswesen, Leitgedanken, Nr. 18-21,22-25. Die italienische Version unterscheidet zwischen „maturitä umana“, „affettiva“ und „sessuale“. Vgl. Sacra Congre- gazione per l’Educazione cattolica, Orientamenti educativi per la fonnazione al celibato sacerdotale, Roma 1974. nn. 18-21, 20-22. Die deutschsprachige Ausgabe von „Pastores dabo vobis“ spricht von „menschlicher Reife“ und der „Reife im Bereich des Gefühlslebens“. Vgl. Johannes Paul II, Pastores, Nr. 44, 81. Der lateinische Text verwendet die Begriffe „maturitas humana“ und „affectiva“. Vgl. Iohannes Paulus II, Adh. Ap. postsyn. Pastoris dabo vobis (25 mart. 1992): Enchiridion Vaticanum, 13. arts. 1-82, nn. 1154—1553 (564—859), hier art. 44, n. 1378 (720). 29 Vgl. Johannes Paul II., Pastores, Nr. 43-59, 79-104.