Petrovics Elek szerk.: Az Országos Magyar Szépművészeti Múzeum Évkönyvei 9. 1937-1939 (Budapest, 1940)

Andreas Pigler: Florentinische Gemälde aus dem siebzehnten Jahrhundert

bildnis (Abb. 2) von Justus Suttermans, dem florentinischen Hofmaler vlämischer Abstam­mung, das Pierre Bautier aus Budapester Privatbesitz erstmalig im XVII. Band der Zeitschrift „L'Art Flamand et Hollandais" 1912, p. 5 veröffentlicht hat. Nach Bautier stellt letzteres Bild wahrscheinlich Vittoria della Rovere, Grossherzogin von Toskana dar. Wer immer auch die vornehme Dame mit der sibyllinischen Geste sein möge, so­viel ist zweifellos, dass auch dieses Bildnis eine allegorische Nebenbedeutung hat, und nach dem Zeugnis des unschädlich gemach­ten Cupidos das Sinnbild der „Castita" sein will (vgl. Ripa: a. a. O., p. 105). Auch der Umstand, dass beide Gemälde ursprünglich achteckig waren, zeigt auf eine gewisse Zusammengehörigkeit hin; die je vier Ecken sind später hinzugefügt worden. Kräftigere oder rauhe Töne vermied die ganze florentinische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts instinktmässig. Bezeichnend ge­nug für diese ausgesprochene Spätkunst ist der Umstand, dass sie sich dem Einflüsse der von plebejisch-ungestümen Temperament er­füllten und auf Gegensätzen fussenden Rich­tung Caravaggios gänzlich entziehen konnte. Sie besass, besser gesagt, nicht mehr jene seelischen Voraussetzungen, die zur richtigen Würdigung der schicksalhaften Neuerung des lombardischen Meisters erforderlich gewesen wären. Aus diesem Grunde kann ein Maler, wie der des „Flötenspielers" in der Galerie Corsini zu Florenz (Photo: Brogi 15.383), nicht in den Rahmen der florentinischen Kunst eingereiht werden. Er kümmert sich weder um Form- noch Farbenharmonie und er­weckt eben durch die Herbheit seiner Aus­drucksweise Interesse. Auf seinem Gemälde, das hier als Gegenbeispiel angeführt sein soll, wird die beunruhigende Fremdheit der Gestalten durch die Wucht goldgelber, blut­roter und olivengrüner Farbenflecken über­schrien und es fehlt jede Spur einer ein­schmeichelnden Glätte. Weder die überliefe­rungsgemässe Benennung mit Jacopo Ligozzi, noch der Versuch von Hermann Voss, das Bild Sigismondo Coccapani zuzuschreiben, wirkten überzeugend. Vergleicht man hin­gegen das Bild mit den um 1620 in Italien entstandenen Werken von Claude Vignon, dem „französischen Fetti", so erscheint seine Urheberschaft sehr wahrscheinlich (s. „Ga­zette des Beaux-Arts" 1939, I, p. 319). Auf die „letzte" Stilperiode weist auch ein allgemeines Ausdrucksmotiv des florenti­nischen Seicento hin. Bei seinen bekleideten Gestalten findet man allzu oft einen ver­führerischen Liebreiz, eine von Sentimentali­tät durchwehte Koketterie, während die sinnliche Wirkung der nackten Frauen- und Jünglingsgestalten absichtlich, ja herausfor­dernd zugespitzt wird. Am bewusstesten zeigt sich diese Ausdrucksform in der Kunst von Giovanni Biliverti und Francesco Furini. Dem ersten steht eine in mehreren Exempla­ren bekannte Komposition nahe, die die dra­matische Szene von Tarquinius und Lucretia darstellt. Früher wurde sie dem Bologneser Guido Cagnacci zugeschrieben. Die gesuchte Einstellung der kaum verhüllten Frauenge­stalt, mit der eher zärtlichen als abwehren­den Geste, sowie die Rolle des dunkelgelock­ten, an die Gestalten Guercinos erinnernden Jünglings, die mehr die Suche nach neuen Reizen als eine ernste, lebensgefährliche Drohung fühlen lässt, beweisen unmissver­ständlich, welche Art der Wirkung dem da­maligen florentinischen Kunstgeschmack er­wünscht war. Das in der Studiensammlung des Museums der Bildenden Künste zu Buda­pest aufbewahrte Exemplar (Abb. 3) muss als eigenhändige Arbeit des Künstlers ange­sehen werden, die in Hinsicht auf ihre Quali­tät nicht dem Bilde der Accademia di San Luca in Rom nachsteht. In der Galerie zu Dresden, in der Wallace Sammlung zu Lon­don und angeblich im Palazzo Albicini zu Forli sind Kopien vorhanden. Weitere Exem­plare derselben Komposition mochten auf Kunstauktionen des vorigen Jahrhunderts noch unter Cagnaccis Namen vorkommen. (iL Mireur, Dictionnaire des ventes d'art, II, 1911, 57.) Diese ansehnliche Zahl an Exempla­ren zeugt zur Genüge von der Beliebtheit des Werkes und der Volkstümlichkeit der Rich­tung. Otto Mündler hat schon im Jahre 1869 das Budapester Bild, das aus der Sammlung Esterházy stammt, für Bilivertis Werk ge­halten, und neuerlich haben Poggi, Cantala­messa und Ricci über das Bild in Rom die gleiche Meinung geäussert. Trotzdem ist bei der Benennung des Meisters eine gewisse Vorsicht geboten. Wir würden den Namen Bilivertis nur zur Bezeichnung der Schule gebrauchen und die Komposition vorläufig bloss als florentinische Arbeit von der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bezeichnen. Wenn sich dann bei Simone Pignoni (1614— 1698), dem bedeutendsten Nachfolger Furinis, eine weitere Erschlaffung des Seelengehaltes und der Formensprache zeigt, wenn der fe­minine Grundcharakter noch stärker fühl­bar wird und die Absicht einer sinnlichen Wirkung stellenweise noch offenbarer zu Tage tritt, so darf man die symptomatische Bedeutung dieser Eigentümlichkeiten nicht unterschätzen. Es war dies ja keine indivi-

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