Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)
MAYA MÜLLER: Schönheitsideale in der Ägyptischen Kunst
Das Konzept des "Athleten mit den schönen Beinen", das in Schreit- und Laufdarstellungen des Alten Reiches so eindrucksvoll realisiert wurde, ist sicherlich wie alle anderen körperlichen Eigenschaften des Königs - nicht allein um der sexuellen Attraktivität willen da. Es dürfte mit einem Konzept zu tun haben, das bereits in den Pyramidentexten mehrfach angesprochen wird und das zweierlei Spielarten des göttlichen Läufers beschreibt. Es besagt zum einen, dass der Sonnengott der Läufer par excellence ist, der täglich Himmel und Erde in einem Siegeslauf umzieht. Und zum anderen bringt es zum Ausdruck, dass es eine Eigenschaft aller grossen Götter ist, frei und ungehindert ausschreiten und den Fuss nach Belieben in jede Weltgegend lenken zu können. Wir zitieren nur ein paar Kernstellen aus den Pyramidentexten dazu: "He has travelled around the whole of the two skies / He has circumambulated the Two Banks / For the King is a great Power / Who has power over the Powers" (Pyr. 406). In Pyr. 853-855 heisst es: "Hail to you, Unique One, who daily endures! Horus comes, the Far-strider comes, he who has power over the horizon comes [...]. Hail to you, Soul who are in your blood, [...] who takes his place at the zenith of the sky, in the place where you are content. You traverse the sky in your striding, you include Lower and Upper Egypt in your journeyings". In Pyr. 622-625 ist das freie Ausschreiten das Thema: "Raise yourself, O King; run, you who are greatly strong. You shall sit at the head of the gods [...]. Receive your dignity, for your foot will not be obstructed in the sky, you will not be opposed on earth. [...]. Arise, O spirit, greatly strong, adorned as a great wild bull: you will not be opposed in any place where you walk, your foot will not be obstructed in any place where you desire to be". Der Lauf um Himmel und Erde und das freie Schreiten sind Ausdruck der Macht eines solaren Gottes, den Kosmos zu kontrollieren und omnipräsent zu sein. Die Laufdarstellung des Königs kann dementsprechend sicherlich als eine symbolische Aneignung der Welt gedeutet werden. Darum soll das Motiv als der "vitale Triumphator" bezeichnet werden. 31 Was die Bilder von privaten Grabherren und ihren weiblichen Angehörigen oder von Grabinhaberinnen anbelangt, so ist zu unterscheiden zwischen der unmittelbaren Darstellung sexueller Reize, sei es an Statuen oder auf Reliefs, A.J. Spencer, Two Enigmastic Hieroglyphs and Their Relation to the Sed-Festival, JEA 64 (1978), S. 52-55; M. Lichtheini, Ancient Egyptian Literature. A Book of Reading, Vol. I, Berkeley-Los Angeles-London 1973, S. 101 (Lehre für Merikare, Fnde der Beschreibung des Totengerichts: "Free-striding like the lords forever"); F. 1). Friedman, in: S. Manuelian a.a.O. (Anm. 2), I, S. 337-351.