Déry Tibor: Különös árverés. Regények 1920–1942. Ein Fremder (Déry Archívum 4. Petőfi Irodalmi Múzeum és Kortárs Irodalmi Központ, Budapest, 1999)

z. B. ein gen' Himmel gestreckter Arm, der sich um eine halbe Sekunde zu spät erhebt, wenn der Text schon eine andere oder gar keine Bewegung erfordert, mit ihrer wahnsinnigen Unordnung und Wucht die Zuschauer erschütterten. Mit Befremden hörte sie auch ihrer Stimme zu: heiser, wie ein zurückgeworfener schütterer Schatten der alten, volltönenden Stimme tönte sie wie von jenseits des Grabes und wirkte doch unproportioniert dick im Munde des gepuderten, violetten Totenkopfes. Gleichzeitig mußte sie aber auch das Publikum beobachten, um festzustellen, wer von den Bekannten gekommen und was wichtiger, wer zu Hause geblieben war, um diese zu ihrem nächsten Auftreten wieder einladen zu können; wenn ihr inzwischen im Bruchteil einer Sekunde der Gedanke den Kopf durchkreuzte: - wozu, nächste Woche bringt, man mich doch ins Rochusspital! - so fing die Periode, die sie unterdessen rezitierte, zu zittern an, wie ein Herbstblatt im Wind. Auch kam es vor, daß sie sich der Namen der Leute, die sie im Parkett vermißte, nicht entsinnen konnte, dann mußte sie sich Gewalt antun, um in Vortrag nicht stecken zu bleiben, manchmal mußte sie auch ihre Hand zurückreißen, wenn sie im letzten Augenblick bemerkte, daß sie im Begriff war, sie auf ihren schmerzenden Bauch zu drücken. Ihr elendes Privatleben durchbrach die Rolle und erhob sie; die Lebenskraft, die dort niedrige und rohe Themen zu bearbeiten gehabt hätte, wie z. B. die körperlichen Schmerzen oder die Frage, woher sie die 40 Pengő Mietzins nehmen werde, stellte sich um und durchglühte die dichterischen Formen, in die sie hineingezwungen wurde: in solchen Augenblicken kam auf dem ärmlichen Podium ein so hohes, ergreifendes Kunstwerk zustande, wie man es in keinem Budapester Theater erleben konnte, eine Leistung, die keiner der Zuhörer, am allerwenigsten aber Cornelia selbst verstand. Wenn die siebzigjährige Frau nach dem Vortrag nach Hause ging - nicht immer im Taxi -, wälzte sie sich die ganze Nacht schlaflos im Bett herum, laut weinend vor Scham über ihr vermeintliches, schlechtes Spiel, dessen Erinnerung sie wilder quälte, als die persönlichen Erniedrigungen oder der materielle Mißcrfolg; schlummerte sie dann schließlich bei Tagesanbruch müde und gequält doch ein, so erschienen auf dem Gerüst vor dem Fenster die Bauarbeiter und fingen an, den Mörtel von den Mauern hcrunterzuhämmern. Nachtmittags aber setzte ihre Tochter, deren Lebenslust der Ertrag der Soiree wieder auffrischte, die längst unterbrochenen Gesangsübungen fort, also daß die alte Frau wieder um ihren Schlaf kam; das Geld, das sie verdiente, erhielt zwar die Tochter und den Schwiegersohn am Leben, brachte sie selbst aber gleichzeitig dem Grabe immer näher. Pester Lloyd (Morgenblatt) 11. Feber 1937. Nr. 33. S. 1-3.

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