Déry Tibor: Különös árverés. Regények 1920–1942. Ein Fremder (Déry Archívum 4. Petőfi Irodalmi Múzeum és Kortárs Irodalmi Központ, Budapest, 1999)

verehrten, ein fünfter aus den nationalen Studentenverbänden, von denen sie als Sinnhild der abgetrennten Gebiete gefeiert wurde. Von jeder Gruppe besaß sie eine Liste - sie kannte sie schon auswendig - doch mußte sie auf der Hut sein, um die Opfer verschiedenster Abstammung, ungleicher Leistungs­fähigkeit und nicht selten entgegengestzter Weltanschauung nicht durcheinander zu bringen; auch hatte sie für jede Gruppe ein eigenes Gesicht und Text und auch hier war Vorsicht vonnöten, denn es konnte geschehen, daß sie sich, zerstreut und ständig von Schmerzen gequält, versah und die Rollen verwechselte. In den Salons ihrer Provinzbekannten spielte sie die „Gutsherrin", die schon in jüngeren Jahren mit dem Stock in der Hand im Gutshof umhergeht, mit schweren, raschen Schritten, Dienstboten herumjagt auch nicht zurückscheut, wenn nötig, dem einen oder anderen einen Hieb zu versetzen, den Gästen aber, den „Lieblingen", die Hand zum Kuß reicht. Diese Rolle war die schwerste, denn es mußte der Schein gewahrt werden, als ob sie nur den „Freunden" zuliebe, auf deren heftiges Drängen sich dazu bequemen und für den Vortrag Geld zu „wohltätigen Zwecken" annehmen würde. Weil es aber nicht nur von ihr abhing, ob der Schein gewahrt werden konnte, sondern auch von denen, die sie in Anspruch nahm, diese aber, größtenteils ältere, und müde Leute, wenig Lust verspürten, die ihnen aufgedrungene Rolle zu Ende zu spielen und der Ansicht waren, ihrer Pflicht vollauf Genüge zu tun, wenn sie Geld hergaben, es aber für überflüssig hielten, an einem Spiel teilzunehmen, das von Jahr zu Jahr durchsichtiger und langweiliger ward: so kam es immer seltener zu dem gewünschten, reibungslosen Zusammenspiel, das wie ein genau zusammengefügtes Spiegelsystem die gewaltige Gestalt der „Gutsherrin" aus der Vergangenheit fehlerlos herüberprojiziert hätte. Wenn Cornelia im Treppenhaus vor die Wohnungstüre gelangte, schellte sie vorerst nicht, sondern lehnte sich gegen die Wand, um sich auszuruhen (das Stubenmädchen durfte nicht sehen, daß sie nicht mit dem Aufzug kam); wie Mosaiksteine ordnete sie nun ihre Gesichtszüge ein, die die körperlichen schmerzen bereits zu einem unförmigen und sinnlosen Hieroglyphen verzerrt hatten. Wenn in diesen Augenblicken neue Gäste ankamen und Cornelia vom der Tür überraschten, bevor die acht bis zehn Minuten vorüber waren, die sie zu ihrer Herstellung brauchte, so mußte sie mit halbfertiger Maske, vor Schmerzen noch verzerrtem Mund in den Salon einmarschieren und seelisch unfertig in die Rolle einspringen, in die sie sich noch nicht eingelebt hatte. Doch sie war eine feine und gescheite Frau, die nicht nur sich genau kannte, sondern auch die Welt, auf deren Kosten sie lebte, auch den feingesponnenen Hintergrund durchblickte und kaltblütig und mit nicht wenig Schadenfreude ihr eigenes Walten beobachtete: wie in einem Spiegel sieht sie sich, indessen sie mit dem vorgebeugten, gewaltigen Körper

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