Török Dalma (szerk.): „Nekünk ma Berlin a Párizsunk”. Magyar írók Berlin-élménye, 1900-1933 (Budapest, 2007)

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Kultur eine „in Form grauer Geschwüre dem kranken und siechen Körper der Natur" nässende Furunkel, der er die selbstver­gessene Lebendigkeit Friedenaus gegenüberstellt. So sehr er den Topos der verdorbenen Stadt mit spielerischer Ironie behandelt, so sehr verdirbt er die Freude des Lesers an dem gesunden kleinbürgerlichen Milieu, voller Kindergeschrei: „Der arme traurige Ungar bleibt auf der Steinbrücke des Stadtparks stehen und starrt düster vor sich hin. Grelles Gekreische, kämpferische gute Laune wallen aus dem Durcheinander des hellgrünen Spielplatzes auf ihn zu: Die Luft riecht nahezu nach Milch, und alles strotzt vor Fruchtbarkeit. Und verkündet: Verehrtes Ungarn und sehr verehrtes Budapest, ich melde hochachtungsvoll: - alles ist in Ordnung, Berlins Kleinbürger strotzen vor Kraft, Deutschland passt auf, kümmert sich und züchtet - und es wird wieder viele, starke, wackere preußische Soldaten geben, wenn es vonnöten ist, nur keine Angst.“30 Márai wiederum sieht, als er in einem Rückblick seine Erfahrungen zusammenfasst, hinter „der scheinbar übermäßigen Ordnung (...) beunruhigend .ordentliche’ Beklemmung und Verwirrung". Hinter dem „erbarmungslosen Ordnungsdrang“, dem „Hang zu Massen“ und den „beunruhigenden Uniformen" hingegen „dämmerte deutlich und unauslöschlich in sanftem Schein das andere; und wer wusste, wer wagte zu sagen, welches das wahre ist? Das andere Deutschland, das von Goethe erzogene. Das andere, wo Thomas Manns Buddenbroocks’ immerhin, ob es einem passt oder nicht, in einer Million Exemplaren gekauft wurden (...) wo man sich mit einer kindlichen und pedantischen Andacht, aber eben doch mit Andacht über jeden gedruckten Buchstaben beugte, wo Musik am perfektesten gespielt wurde und man sich in höchster Verantwortung des Gewissens in den chemischen Fabriken über Präparate und an den Operationstischen über leidende Menschen beugte - das andere, das andere!”31 Und bei seinen Überlegungen zum Verhältnis der wohlhabenden bürgerlichen Familien zur Moral, deutete er auf eine weitere Zweiheit hin. So wie sich das Zentrum Berlins, die konsolidierte Einkaufsstraße in der Gegend um Zoo und Noliendorfplatz des Nachts zum weltlichen und halbweltlichen Terrain des Amüsements wandelt,32 so wechselt die moralische Beurteilung der Taten von Tag und Nacht: „Töchter aus den besten Familien des Berliner Westens wälzten sich im Morgengrau auf den Stufen, wildfremde Kavaliere in den Armen. (...) Niemand fragte sie nach ihren Erlebnissen in diesen Nächten; (...) nur der Tag zählte, der strenge, bürgerliche Tag mit allen seinen Regeln, Vorurteilen und strikten Ritualen.“33 Der Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie und alle Übergänge zwischen diesen beiden Welten beschreibt Jenő Rejtő in seinen Erinnerungen. Zuerst macht er seine Erfahrungen im Milieu der eleganten Kaffeehäuser in der Innenstadt und in der vor­nehmen Welt im „Westen", doch als ihm allmählich das Geld ausgeht, begegnet er auch dem Geruch der Untermietszimmer, dem Elend der Massenunterkünfte, den „engen, schäbigen Straßen“ des „Nordens“. Der Norden ist in der Lesart Rejtős „das Land des Verbrechens, menschlicher Lethargie, der Resignation am Leben, des Feilbietens von Herz, Körper und Seele, mit eigenen 1 93

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