Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - Ilona Sármány-Parsons: Symbiose und distanz

bedeutete, welche Zeit am stärksten den speziellen und als den eigenen betrachteten individuellen Charakter des betreffenden Volkes oder Landes symbolisierte. Trotz dieses Stilpluralismus3 trafen sowohl Auftraggeber als auch Architekten ihre Auswahl aus dem Stilrepertoire durchaus mit Umsicht, wobei sie ihre Entscheidung gelegentlich auch ideologisch untermauerten. Beinahe jede Nation Europas schöpfte aus den eigenen Architekturtraditionen, aus der Glanzzeit - im glücklicheren Fall den Glanzzeiten - der eigenen Vergangenheit, die sie als „Stilmantel" über den funktionalen Kern der neuen öffentlichen Gebäude hängte, doch entlieh man sich auch architektonische Lösungen aus den großen Epochen des gemeinsamen kulturellen Erbes. Ab Mitte des Jahrhunderts erfreute sich die Formen­sprache der italienischen Renaissance großer Beliebtheit. Die bevorzugten Epochen der Kunstgeschichtsschreibung, die zu dieser Zeit zu einer eigenständigen und populären Wissenschaft wurde, waren das Quattrocento und das Cinquecento, die sich das Bürgertum, aber auch die politischen Eliten gerne als Stile für ein öffentliches Gebäude wählten, da sich beinahe ausschließlich positive Assoziationen daran knüpften. So wurden in Ungarn die gewaltigen öffentlichen Gebäude und die Mehrzahl der bedeutenden Privatbauten ab den 1860er Jahren im Stil der italienisie- renden Neorenaissance errichtet. Aufgrund ihrer symbolischen „Botschaft“ waren die wichtigsten staatlichen Gebäude zugleich die bestimmenden Gebäude im Stadtbild Budapests; das Parlament und die königliche Burg-die Machtzentren also - wurden allerdings im Stil der Neogotik und des Neobarock erbaut. Gerade die dominierende Monumentalität des ungarischen Parlaments an der Donau beziehungsweise das malerische Ensemble des „Burg­viertels“ mit der Matthias-Kirche und der Fischerbastei erwecken den Eindruck, als hätten in Budapest die Architek­ten der „Gotik-Partei“ (Imre Steindl und Frigyes Schulek, die in Wien bei Friedrich von Schmidt studiert hatten) einen größeren Einfluss gehabt als die begeisterten Anhänger der Neorenaissance. Insgesamt ist allerdings festzuhalten, dass die harmonischen oder weniger artistischen Varianten der Renaissance auch heute noch den dominanten Stil der elegantesten Straßen in der Innenstadt (Andrássy út, Nagykörút) ausmachen. Miklós Ybl, der selbst nicht unter­richtete, leistete mit seinen großartigen künstlerischen Lösungen, seinem fachlichen und menschlichen Ansehen zweifelsohne den wichtigsten Beitrag dazu, dass die Vorbilder des Cinquecento, die harmonischen Relationen der malerischen Gebäude von Sansovino, auch den weniger bedeutenden Architekten als nachzuahmendes Beispiel vor Augen schwebten. All dies zeigt eine tiefe Verwandtschaft zwischen Wien und Budapest, zwischen den Straßenbildern der inneren Bezirke, den Proportionen und der Stimmung der beiden Städte. Eine grundlegende Erklärung dafür liegt in der engen Symbiose bei der Ausbildung der Architekten. 77

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