Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)
Studien - András Gero: Die welt von vorgestern
auszusprechen, dazu eine Art von Sendungsbewusstsein. Es gab die Ansicht, die Moderne sei nichts anderes als eine kulturelle Osmose, das gegenseitige Durchdringen der nationalen Kulturen, in dem eine neue Synthese entstehe. Davon handelte zu einem Großteil auch die Musik von Mahler und Bartók. Auf dem Gebiet der hohen Kultur6 stellten einen der wichtigsten - wenn nicht gar den wichtigsten - Integrationsfaktor der Monarchie um die Jahrhundertwende die überaus unterschiedlichen Phänomene der Moderne dar, da die nationale Identität, der nationale Inhalt hier keine große Rolle spielten. Aus diesem Grund können diese kulturellen Produkte als Monarchikum bezeichnet werden. Andererseits befand sich die verzweigte „Moderne" in einer peripheren Situation: Das, was wir im Nachhinein als bestimmend erkennen, war einst eher Rebellion. Diese Reihe von Phänomenen kann auch aus jener Perspektive betrachtet werden, dass die Lebenswelt um 1900 die Kultur des Individualismus, der persönlichen Entfaltung begünstigte. Es ist für viele Bereiche kennzeichnend, dass bedeutende Leistungen nur dann zustande kommen können, wenn das Wertsystem des Individualismus funktioniert, wenn die Menschen es wagen, mit den Traditionen zu brechen und zu ihrer eigenen Entfaltung stehen. Das Modell der Multiethnizität, des Multikulturalismus im Sinne eines kulturellen Zusammenlebens der Massen kam am ehesten in der Essenskultur zur Geltung. Hier finden sich sowohl für eine gewaltlose innere Kolonialisierung als auch für den heldenhaften Widerstand zahlreiche Beispiele. Das einer italienischen Idee entstammende, doch in seinem Namen bereits Wien zitierende „Wiener Schnitzel“ trat einen Eroberungsfeldzug durch Österreich-Ungarn an, ja seine Kraft, die ihre Strahlen in alle Welt entsendete, gelangte sogar bis nach Amerika. Wenn die Monarchie keine bedeutenden Teile der Welt kolonialisierte, so gelang das zumindest dem Wiener Schnitzel. Ähnlich verhält es sich mit der umfassenden Expansion der ungarischen Gulaschsuppe. Die Verbreitung der Gulaschsuppe ist die vielleicht erfolgreichste ungarische Geschichte, obschon dies kein allzu schmeichelhaftes Bild von der ungarischen Erfolgsbilanz abgibt. Die tschechischen Knödel aber leisteten heldenhaft Widerstand. Sie ergaben sich nicht, wenngleich sie auch nicht expandierten. Im Gegensatz dazu unterjochte das tschechische Bier - gemeinsam mit seinem österreichischen Kollegen - die an den Wein gewöhnten ungarischen Seelen und wurde zu einem Volksgetränk.7 Der Pálinka, der Schnaps, derTuicä, der Wodka, der Sliwowitz, der Borowitschka und der Pesachowka bewahrten den Pluralismus in würdiger Weise - sie alle achteten darauf, ihre unerschütterliche Position beizubehalten. (Im Übrigen handelt auch diese Aufzählung davon, dass nichts ist, was es zu sein scheint, denn wir könnten meinen, es mit sieben verschiedenen 72