Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - András Gero: Die welt von vorgestern

Die Ungarn befanden sich - aus der dualistischen Struktur resultierend - in der ungarischen Reichshälfte in der Machtposition, zeigten sich jedoch immer unzufrieden. Sie dienten Franz Joseph und huldigten Lajos Kossuth, dem Anführer des Freiheitskampfes 1848/49, machten ihn zu einer Kultfigur. Die Tschechen und die Deutschen rangen miteinander, doch wussten sie, dass ihre wirtschaftliche Entwicklung zu einem Großteil ihrer Zusammengehörigkeit zu verdanken war. Es wurde zu einer grundlegenden kulturellen Norm der Habsburger Monarchie, dass niemand das war, was er zu sein schien. Der deutsch-österreichische Schriftsteller Karl Kraus, der jeden mit Abscheu be­trachtete, erwähnt in seinem Werk Die letzten Tage der Menschheit, dass diejenigen, die auswandern wollten, einen Fragebogen ausfüllen mussten, auf dem unter anderem die Frage stand, warum sie auszuwandern beabsichtigten. Nach Kraus hätte die korrekte Frage eher heißen müssen: Warum wollen Sie bleiben? Robert Musils Mann ohne Eigenschaften spiegelt dieses Phänomen ebenso wider wie die ein sehr viel düstereres Bild zeigenden Werke des in Prag lebenden und in deutscher Sprache schreibenden Franz Kafka.2 Das Erlebnis von „nichts ist, was es zu sein scheint“ regt die kulturelle Produktion der Region bis zum heutigen Tag an. Die adäquate Reaktion auf diese Erfah­rung war die Ironie: Sie gab dem Absurden, dem Sinnlosen einen Blickwinkel und einen Sinn. Entsprechend der Weltanschauung von jaroslav Hasek ist der Idiotismus nur mit Idiotismus zu überleben.3 Der mitteleuropäische Trottel schlechthin - Schwejk - wurde zu einer symbolischen Gestalt der ganzen Region, auch wenn die Tschechen ihn mit Recht als ihr Eigen betrachten. Doch die Ironie ist - wenn auch in anderer Form - ebenso in den Werken des Ungarn Kálmán Mikszáth wie in jenen des Österreichers Arthur Schnitzler präsent. Und da die spätere Geschichte der Region diesen mitteleuropäischen Grundsatz von „nichts ist das, was es zu sein scheint" nicht widerlegte, erschienen der Tscheche Jiri Menzel, der Ungar István Örkény sowie der Pole Sfawomir Mrozek bereits als Fortsetzer einer Tradi­tion. Es ergab sich auch eine andere kulturelle Konsequenz: Wenn sich die Macht des Anscheins durchsetzt, dann wollen wir sie vollkommen machen, dann lasst uns den Anschein ästhetisieren. Die Bauwerke, die das von inneren Anspannungen belastete Reich architektonisch repräsentierten, beschworen den Klassizismus. Es entstanden riesige öffentliche Gebäude - ihre Größe stand häufig im umgekehrten Verhältnis zum Gewicht der Institutionen, denen sie Raum gaben, wie etwa am Beispiel des ungarischen Parlamentes ersichtlich ist.4 An Prag, dessen Intimität auf das 18. Jahrhundert zurückgeht, hinterließ diese Überlegung weniger Spuren, Grund dafür war, dass es sich hier um keine Hauptstadt handelte. Wien und Budapest aber repräsentieren die Kultur der Ästhetisierung des Anscheins in getreuer Weise. Die privaten Gebäude perfektionierten dieses Phänomen - wenn möglich - in noch stärkerer Weise. Die 70

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