Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - András Gero: Die welt von vorgestern

nationalen Bewegungen beklagten allesamt, die jeweils andere würde sie unterdrücken. Es wurden historische Helden kreiert, die sich meist durch den Widerstand gegenüber dem Nachbarn auszeichneten. Und der Nachbar ging in ähnlicher Weise vor. Die durch die Brille der Helden - unserer Helden und ihrer Helden - betrachtete Welt aber zeichnete sich durch Spaltung aus: genau in der Weise und in dem Maße, wie viel dazu notwendig war, um das nati­onale Bewusstsein in eine Feindbilder produzierende Identität zu verwandeln. Das Reich, das den Wunsch nach einem übernationalen Charakter hegte, wurde mit den nationalstaatlichen Aspirationen konfrontiert. Die in der Region lebenden Völker strebten ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - wenn auch in unterschiedlichem Tempo und mit abweichender Intensität - alle nach der Schaffung eigener nationaler Gebiete (eventuell Staaten). Ich spreche mangels besserer Begriffe von nationalstaatlichen Aspirationen, da es sich hier in Wirklichkeit um Bestrebungen han­delte, zu denen auch dazugehörte, dass unter der Dominanz einer gegebenen Nation beziehungsweise Nationalität bedeutende nationale Minderheiten lebten. Die beiden Tendenzen - sowohl die supranationale als auch die nationale - führten zu einem starken Konfliktfeld und verursachten zur Jahrhundertwende überall wahrgenommene strukturelle Spannungen. Viele waren der Ansicht - und sind es auch heute noch -, dass das Habsburgerreich vor allem daran zugrunde ging. (Der Anteil an den größeren Volksgruppen innerhalb Österreich-Ungarns betrug 1910: 23,9% Deutsche, 20,2% Ungarn, 12,6% Tschechen, 5,3% Kroaten, jeweils 3,8% Serben und Slowaken, 6,4% Rumänen, 10% Polen, 7,9% Ruthenen, 2,6% Slowenen, 2,0% Italiener.) Obschon sich in der Habsburger Monarchie die Praxis des freien Flusses der Ideen realisiert hatte, existierte keine innere Kolonisation im Sinne des 20. Jahrhunderts - keine einzige der Volksgruppen oder Religionen konnte ihre eigene Sprache und ihre Normen einer anderen aufzwingen. Dies war natürlich viel eher ein Ergebnis als eine Gabe, denn die Kämpfe zwischen Reformation und Gegenreformation sowie die Germanisierungsbestre- bungen, die sich in den vorangegangenen Jahrhunderten abgespielt hatten, waren zu einem Ruhepunkt gelangt; der liberale Durchbruch der Trennung von Staat und Kirche war erfolgt; in zahlreichen Fällen hatte sich herausgestellt, dass die gewaltsame nationale Assimilation nicht funktionierte. (Die Aufteilung nach Religionen in Österreich-Ungarn gestaltete sich 1910 folgendermaßen: 77,2% Katholiken - römisch-katholische, griechisch-katholische und Katholi­ken anderer Riten; 8,9% Protestanten - alle aus der Reformation erwachsenen Konfessionen inbegriffen; 8,7% Ostchristen, d. h. orthodoxe Gläubige; 3,9% Juden - Reformjuden, orthodoxe Juden und Anhänger des Status quo 68

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