Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - András Gero: Die welt von vorgestern

STUDIEN ANDRÁS GERO: DIE WELT VON VORGESTERN Der bedeutende deutsch-österreichische Schriftsteller Stefan Zweig gab seinem Werk, das er im Exil geschrieben hatte und das die Atmosphäre der untergegangenen Österreichisch-Ungarischen Monarchie heraufbeschwört, den Titel Die Welt von Gestern. Der Schriftsteller floh vor dem Nazismus, daher enthalten seine Erinnerungen zahlreiche nostalgische Elemente. Das Werk zeigt deutlich, dass die Nostalgie im Licht jener Zeiten, die auf die Welt der Monarchie folgten, begründet sein mag, obschon der Historiker weiß: sich zurückzusehnen ist nicht die einzige Möglichkeit. Wenn die Österreichisch-Ungarische Monarchie in den Augen Zweigs die Welt von gestern sein konnte, dann kann man mit Sicherheit behaupten, dass sie vom heutigen Standpunkt aus die Welt von vorgestern ist. Zwar wirken auch auf uns ihre Lichter und Schatten, ihre Spannungen und Harmonien, ihre Stetigkeiten und Diskontinuitäten, und doch ist das nicht mehr unsere Epoche, auch wenn unsere Zeit ohne sie unvorstellbar ist. * Österreich-Ungarn, das war die Zeit der Verbürgerlichung, der zivilisatorischen Erneuerung. Das Leben hatte sich zu einem großen Teil geändert, und was wir im Alltag als Moderne bezeichnen, wurde für immer mehr Menschen zu einem zunehmend bestimmenderen Teil ihrer Existenz. Es entstand ein Bildungssystem, aufbauend auf den Volks­schulen; es entstand ein epidemiologisches System von Institutionen; es gab elektrische Versorgung und Telefon, eine blühende Theaterkultur und eine moderne Kunst von vibrierender Kraft, eine neu gebackene Urbanität und Pressefreiheit; es entstand das Eisenbahnnetz, und die Frauen kamen in den Genuss höherer Bildung. Sinnbildlich gesagt sprechen wir von einer Zeit, als es noch Dienstmädchen, aber schon Badezimmer gab. Das Entstehende war immer eine Entwicklung in Relation zu etwas Bestehendem, und dies wurde zum Jahrhundert­beginn zur Haupttendenz jener Zeit. Die Tendenz aber war, dass sich die gesamte Region - mit inneren Tempoab­weichungen und nicht in gleichem Maße, aber doch - zunehmend dem Europa anglich, das die Denker damals für maßgebend erachteten. Die Zeit der Monarchie war vergangen, es kam die Zeit des zivilisatorischen Durchbruchs. 66

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