Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Wien-brevier - Miksa Fenyő: Zögling törless

MIKSA FENYŐ: DER ZÖGLING TÖRLESS AUSZUG (...) In seinem Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß hebt Robert Musil die Schleier von einer den Begriffen frem­den, kaum wahrnehmbaren, vielleicht der vierten Dimension entstammenden Welt. Doch nur für einen kurzen Augen­blick, solange man den Atem anzuhalten vermag. Dieser Augenblick aber steckt voller Sensationen: Der Roman Musils beschwört lang vergessene Geister, deren bleiche Umrisse in uns schlummern, und nurzuweilen verstohlen und krank Herr über eine unverständliche Sehnsucht oder eine mit Gründen nicht erklärbare Handlung werden. ,War ich das...?” dies ist der Kern der Verblüffung in Musils Roman, ihr Nebel, ihre Luft. Über dieses Thema kann man keinen naturalis­tischen Roman schreiben. Es lässt sich nicht mit Umständen, Erziehung, Zufälligkeiten erklären. Octave Mirbeau und Camille Lemonnier haben es versucht, der eine mit Sébastien Roch, der andere mit L'Homme en amour, und unter ihren grobschlächtigen Handwerkshänden entstanden Tendenzromane. Diese Dinge lassen sich auch gar nicht mit neurologi­scher Wissenschaftlichkeit erklären: Die Konturen der psychischen Welt verlieren sich hier bereits in der Metaphysik. In der großartigen und geheimnisvollen Willenswelt Schopenhauers. Robert Musil ist ein Mann der Kunst. Nur die leise Musik seines zarten Gespürs, seiner ahnungsvollen Worte gelangt in die Seelenwelt hinter den Seelen, und wenn er an den Anfang seines Buches auch den Satz Maeterlincks als Motto gesetzt hat: „Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hi­nabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt.” - in diesen Wassertropfen, die von seinen zarten und eben­falls bleichen - überaus bleichen - Fingerspitzen hinabrollen, erzittern die Augenblicke, deren Fremdartigkeit und doch Vertrautheit wir nie vergessen können, in den jahrhundertealten Wäldern tiefen Schweigens, unsere Erinnerungen an jemanden, der schon lang gestorben ist, die Fleurs du mal unserer Jugend. Um diese niederzuschreiben, genügen die Qualitäten, der Blick, die Sensibilität des Künstlers nicht; durch diese Nebel vermag nicht einmal eine über alle Maßen angespannte Fantasie hindurchzudringen. Man muss die Danteschen Welten durchwandert, ihre giftigen Dämpfe einge­atmet haben, und selbst so ist es fast unvorstellbar, dass Jahre später, wenn die feinen Reliefs der Impressionen bereits verschwommen sind, der Gesamteindruck - den der sensible Mensch lange bewahrt - auf diese Weise in seine Atome aufgelöst werden kann. Musil ist das gelungen. Sein Roman schmiegt sich in seinem Denken, in seiner Sprache dem Thema an; und auch wenn der Überschwang an spekulativen Gedanken manchmal Zweifel an der Aufrichtigkeit aufkom- men lässt: im Ganzen spricht die besondere und tiefe Lyrik einer Schriftstellerpersönlichkeit aus ihm. 226

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