Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)
Studien - Ilona Sármány-Parsons: ein begeisterter wiener mit ungarischer identität
besuchte, verliebte er sich in die junge Wiener Malerin Tina Blau. Von dieser emotionalen Beziehung ist zwar kein Briefwechsel überliefert, doch schrieb Hevesi sein Leben lang nur Gutes über die Bilder der Künstlerin, auch später, als sein Schwärmen für sie offensichtlich nicht erwidert wurde.10 Die Gründe für den Umzug nach Wien lassen sich heute nicht mehr ganz erschließen. Wahrscheinlich war die Niederlassung dort zunächst nicht auf unbegrenzte Zeit geplant, denn der Vertrag galt anfänglich nur für zwei Jahre. Auf jeden Fall muss es für den kunstliebenden Feuilletonisten eine große Freude gewesen sein, aus der ungarischen Hauptstadt mit ihrem visuell geringen Angebot in das künstlerisch viel aufregendere Leben der Kaiserstadt zu ziehen, in der er außerdem viele Freunde und fachliche Vorbilder hatte. In den Erinnerungen seiner Freunde erscheint Hevesi als ein sehr angenehmer, höflicher, hilfsbereiter und humorvoller Mann, das half ihm sicherlich dabei, sich bald schon in der Wiener Szene zu integrieren. Der handschriftlich verfasste Arbeitsvertrag vom I 2. Juni I 875 wurde vermutlich stillschweigend verlängert, denn ein neuerer Vertrag lässt sich im Archiv nicht auffinden.11 Für den Arbeitsbeginn war der I 5. September I 875 vereinbart, damit also wurde aus dem Pester Journalisten der Leiter des Feuilletons in einer der anerkanntesten Tageszeitungen der Kaiserstadt. Das Fremdenblatt wurde von sämtlichen Ministerien abonniert und war damit eine der wichtigsten Informationsquellen der Staatsbürokratie, Kaiser Franz Joseph las dieses Blatt morgendlich als Erstes, um sich in der internationalen Politik zu orientieren. Da aber der Kaiser auch ein regelmäßiger Gast in den Theatern und sein Privatleben in vielerlei Hinsicht mit dem Schicksal seiner Glücksfee Katharina Schratt an das Burgtheater gebunden war, genoss unter den Kulturereignissen die Theaterspalte bei ihm einen besonderen Vorzug. Für dieses Blatt zu schreiben - ob über sonstige Kultur oder aber über Theater -, war eine besondere Vertrauensstellung. Um hier ständiger Theaterkritiker zu sein, musste man diplomatisches Geschick und viel Menschenkenntnis besitzen. Auch wenn das Fremdenblatt nur zwischen neun- und zehntausend Exemplare druckte (das war in Wien lediglich ein Zehntel der populärsten Zeitung, der Neuen Freien Presse), so wurden die hier erschienenen Artikel doch von Menschen gelesen, die großen Einfluss auf die Ereignisse hatten und sich bewusst waren, zur politischen Elite des Staates und daher nolens volens auch zur kulturellen Elite zu gehören. Hevesi war berühmt für seine fachmännische Sorgfalt und Gründlichkeit, schon bald galt er als einer der angesehensten Kritiker der Stadt, obwohl er für die damalige Auffassung noch sehr jung war.12 Bei all seinen Ambitionen 135