Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)
Studien - Ilona Sármány-Parsons: ein begeisterter wiener mit ungarischer identität
Nachrufe war, dass Hevesi in seinen letzten Jahrzehnten aus dem kulturellen Leben Ungarns herausgefallen und unumkehrbar „zu einem Wiener geworden" sei. Diese Formulierung hatte in der Budapester Presse zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen negativen Unterton, denn die eingefleischten Vertreter der ungarischen Kultur blickten mit einer Mischung aus Eifersucht und Ablehnung auf die Kaiserstadt, man schätzte die von dort kommenden Impulse wenig und nahm von den kulturellen Erfolgen lieber keine Notiz. Hevesi war in den Augen der ungarischen Kritikergeneration um die Jahrhundertwende schon nicht mehr einer von ihren Leuten. Dabei war er als deutschsprachiger Kunstkritiker sein Leben lang in der Pester Presse gegenwärtig, bis zuletzt schickte er seinem Heimatblatt hervorragende und ausgefeilt formulierte Berichte über die wichtigsten Ereignisse in Kunst und Theater. Die wirklich gebildete Budapester Elite aus Bürgertum und Adel konnte sich über dreißig Jahre hinweg aus seinen Berichten einen genauen Überblick über die aktuellen Kulturereignisse in der Kaiserstadt verschaffen und so entscheiden, ob sie zu einer Ausstellung oder Theatervorführung nach Wien fuhr oder nicht. Der Beginn Ludwig Hevesi wurde 1843 unter dem Namen Lajos Lőwy in Heves geboren, sein Vater Doktor Sámuel Lőwy war ein landesweit angesehener und geschätzter Arzt. In der Familientradition eignete sich der Doktor, der die Verwundeten des Freiheitskrieges mit viel Liebe gepflegt hatte, die ungarische Sprache in Heves geradezu spontan an, die dann auch der Sohn bei seinen ersten gedruckten Publikationen zu nutzen begann. Lőwy wollte auch aus seinem Sohn einen Arzt machen. Er wurde nach Pest zunächst auf das Gymnasium, dann auf die Universität geschickt, wo der junge Mann neben Medizin auch klassische Philologie belegte. I 862 immatrikulierte er sich an der berühmten Wiener Medizinfakultät. Als junger Mediziner übernahm er aus Interesse und aus finanziellen Gründen Übersetzungen. Als Erstes wählte er keine geringere Aufgabe als das Buch Rajongók [Schwärmer] von Zsigmond Kemény für die Zeitung Tagesblatt für Böhmen. Schon aus Pest hatte er eine gründliche Bildung mitgebracht, neben ungarisch sprach er deutsch, französisch, englisch und italienisch. In Wien führte ihn der um einige Jahre ältere Mediziner und zukünftige Journalist Adolf Ágai2 in den wichtigen Journalistenkreis ein, an dessen Spitze der Journalist Miksa Falk stand. Falk hatte früher Zugang zu István Graf Széchenyi in der Nervenheilanstalt Döbling gehabt und damals schon viele bedeutende politische Leitartikel für 132