Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - István Fried: Ungarische schriftsteller in Wien

sich von der Zensur in Ungarn, aus dem Kreis der konservativen Retorsionen zu entfernen. Seine Arbeit entfaltete sich in den 1920er Jahren mit neuer Kraft: Die Intensität im Bereich der Zeitschriftenredaktion steigerte sich, seine Lyrik und Epik waren bereits unbestreitbar von internationaler Bedeutung, während seine Rezeption in Ungarn noch eine ganze Weile widersprüchlich blieb. Es sagt viel aus, dass ihn früher Schriftstellerkollegen angespornt hat­ten, die in ihrer Lyrik selbst nicht avantgardistisch waren, wie etwa der bereits erwähnte Gyula Juhász, der Wien in den 1920er Jahren selbst einen Besuch abstattete. Neben der Zeitschrift Kassáks und seines Kreises sollte man auch andere Organe erwähnen wie die Zeitung Bécsi Magyar Újság [Wiener Ungarische Zeitung], die als die Opposition der „heimischen“ Presse fungierte, oder Panop­tikum, in der die Prosagedichte Márais veröffentlicht wurden, Diogenes, in der Junge Schriftsteller wie beispielsweise Andor Németh publizierten, der später mit seiner französischsprachigen Kafka-Monografie beziehungsweise auch als Dichter, Redakteur und Verfasser von Abhandlungen erfolgreich war. Man muss sich die paradoxe Situation bewusst machen, dass das ungarische literarische und kulturelle Leben in Wien im Wesentlichen nach dem Zerfall der Monarchie zustande kam, als sich kaum mehr Zeichen dafür zeigten, die unga­rische Literatur in einer gemeinsamen österreichisch-ungarischen Unternehmung präsentieren zu können, oder dass die nach I 9 19 in eine ebenfalls veränderte Situation gelangten Literaturen sich füreinander interessieren würden. In Wien erschien zwischen I 886 und 1908 eine Zeitschrift mit dem Titel Oesterreichisch-ungarische Revue, die be­absichtigte, die Kultur der beiden Reichshälften unter gemeinsamer Regierung einander anzunähern, wozu sie auch namhafte Autoren gewinnen konnte. Zur Zeit Österreich-Ungarns arbeiteten in den Behörden Beamte (etwa der bedeutende Historiker Lajos Thallóczy), die die Erforschung der Geschichte der Monarchie auf einem hohen Niveau betrieben, wobei sie in Johann Christian Engel, einem in Wien lebenden Historiker aus der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts, ihr Vorbild sahen. Nach dem Zerfall der Monarchie musste man selbstverständlich eine (überraschend kurze) Zeit warten, bis die Institution, die der Erforschung ungarischer Bezüge diente, gegründet wurde. Das Wiener Collegium Hungaricum empfing jene Forscher, die in den sich öffnenden Archiven untertauchten und die ungarische (Geschichts-)Wissen- schaft mit neuen Ergebnissen bereicherten. Die Schriftsteller waren gezwungen, einen anderen Weg einzuschlagen. Vor dem Weltkrieg war die Deutschsprachigkeit zwar allgemein verbreitet, was sich beim Kennenlernen der russischen und skandinavischen Literaturen als ein Vorteil erwies. Jedoch wählten die meisten Schriftsteller der ungarischen 128

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