Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - István Fried: Ungarische schriftsteller in Wien

Boden zurück und enthüllte die verborgenen Konflikte der Mittelschicht. Er präsentierte den Charakter des „unrettbar“ scheinenden „Ich“, wobei er die unterhaltenden Funktionen der dramatischen Rede auf der Bühne nie außer Acht ließ. Es gibt von Molnár fast kein Werk, das in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht in Wien aufge­führt beziehungsweise dort nicht in Buchform herausgegeben worden wäre. Einen besonderen Fall stellt sein Dra­ma Liliom dar, denn dieses Stück war in Wien als eine Adaption von Alfred Polgar zu sehen und zu lesen. Die Legen­de aus der Budapester Vorstadt wurde hier zu einer Wiener Geschichte, das Budapester Stadtwäldchen nahm in Wien die Gestalt des Praters an. Die stilisierte, gewissermaßen gekünstelte, doch in jedem Fall poetische Sprache der Darsteller funktionierte auch in der Wiener Fassung. Dies stellt uns vor die Frage: Sollte der Unterschied zwi­schen dem typisch Budapesterischen und dem typisch Wienerischen auf diesem Gebiet so gering sein? Bei der nicht allzu bedeutenden Umarbeitung gewannen weniger die Abweichungen, als vielmehr die Ähnlichkeiten an Bedeutung. Ferenc Molnár gelang es - gemeinsam mit seinen Wiener Schriftstellerkollegen -, zu einem Monarchie-Autor zu werden. An dieser Stelle möchte ich zwei Bemerkungen anfügen: 1. ) Ich nehme meine frühere Bemerkung, nach der sich die ungarische Moderne programmatisch an Frankreich und England orientierte, nicht zurück. Trotz dessen findet sich in der bereits erwähnten Zeitschrift Nyugat bis 1918 eine Fülle von Aufsätzen und Berichten über österreichische kulturelle Phänomene. Ich weise hier nur knapp darauf hin, dass Miksa Fenyő bereits 1908 über den Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Musil schrieb (der im Bezug auf die ungarischen Schulromane eine inspirierende Rolle spielte) und György Lukács re­gelmäßig über die neuesten Entwicklungen in der österreichischen Literatur berichtete, so über Rilke, Schnitzler, Hermann Bahr, R. Beer-Hoffmann und Karl Kraus. 2. ) Sowohl im Pester Lloyd als auch in anderen Tageszeitungen sowie Presseorganen in der Provinz begegnet man häufig Übersetzungen oder Literaturberichten, beispielsweise aus der Feder von Gyula Juhász. Das Buch Az új színpad [Die neue Bühne] von Arthur Bárdos wurde 1911 vom Verlag der Zeitschrift Nyugat herausgegeben und in einer Besprechung als „ein ungarisches Reinhardt-Buch“ bezeichnet. Von deutschen und österreichischen Theaterpremieren schickten - vor allem dem Pester Lloyd - Verfasser Kritiken, die bei den Vorstellungen selbst zugegen waren, das heißt über unmittelbare Kenntnisse vom österreichischen Theater, vom Burgtheater verfügten. 126

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