Schultheisz Emil: Traditio Renovata. Tanulmányok a középkor és a reneszánsz orvostudományáról / Orvostörténeti Közlemények – Supplementum 21. (Budapest, 1997)
13. Antonius Gazius und die humanistische Medizin
Z^oo¡ Regiomontanus n den bedeutendsten Vorläufern des Kopernikus (der ja bekanntlich auch Mediziner war) zu verdanken. Hypothesen, die — wenn auch in veränderter Form — heute noch fortleben. Man denke nur an den Einfluß kosmischer Strahlen und atmosphärischer Störungen auf das Vegetativum des gesunden und kranken Menschen. Im allgemeinen ist zur Erhaltung der Jugendfrische eine nüchterne Mässigkeit ratsam: , ,Qui uoluerit corporis salutem conseruare et diu uitam prorogare de competenti sibi aere, super omni esse sollicitus" (Cap. XIV). Was die Zeit des Aiterns unter physiologischen Verhältnissen betrifft, so wird von Gazio eine, man möchte sagen moderne, geomedizinischbiologische Anschauung vertreten, welche aber mittelalterlichen Ursprungs ist. Ebenfalls im Cap. XIV schreibt Gazio, daß in nördlichen Ländern die Lebensdauer, dementsprechend auch die Jugend länger währt, als im Süden, ,,... nam in terra nigrorum, ut testatur Auicenna, senium aduenit in XXX annis..." Was den Begriff des Greisentums anbelangt, geht aus den Darlegungen des Gazio hervor, daß nicht allein die Zahl der Jahre, vielmehr die Konstitution für das Zustandekommen der ,,Senectus" verantwortlich ist. Dieselbe Auffassung ist 200 Jahre später in den Werken des Morgagni zu finden, der auch keine Jahreszahl angibt, sondern für die ,,aetas decrementi" die ,,constitutio" für entscheidend hält, wie das von Grmek in seiner Studie gezeigt wurde 1 2. Die Mäßigkeit in seelischen und körperlichen Dingen, und in diesem Sinne also die Prophylaxe, steht im Mittelpunkt dieser Abhandlung: ,,... iuvenes hortantur qui uiuere cupiunt ut a noxis uoluptatibus abstineant, quae non solum animum et rationem deŲçiųn , verum etiam corpus langoribus trađuñt et ante diem suam senectute conficiunt occiduntque" heißt es in Cap. XV, während im Kapitel XVIII davon die Rede ist, daß ,,Ira, tristitia et his similibus. .. ante diem suam senescere faciunt. .." Daß die Grundbedingung zur Erhaltung der Jugend die Gesundheit selber ist, hält Gazio für natürlich (Cap. IV). In dieser Beziehung wird den Ärzten eine große Aufgabe gestellt. Der feste Glaube an das göttliche Wirken in allen Geschöpfen der Natur führt zur Folgerung, daß der Arzt im Grunde nicht mehr vermag, als die gesunden Kräfte der Natur zu fördern und zu stärken, damit sie selbst die Heilung vollbringen. Ein typisch humanistischer Gedanke, welcher uns bei vielen der Ärzte-Humanisten begegnet. Bei dieser Gelegenheit soll noch einiges über die Bedeutung des Humanismus für die Entwicklung der Medizin gesagt werden. H. E. Sigerist schreibt in seiner Abhandlung „Die Geburt der abendländischen Medizin" folgendes: ,,... der Humanismus verzögerte die Geburtsstunde der abendländischen Medizin wiederum um mehr als ein Jahrhundert . Wenn auch die Medizin starke Impulse im Sinne des neuen Realismus aus der Renaissance erhielt, so war doch die Wiedergeburt griechischer Lehre und Wissenschaft von nicht geringem Nachteil für die Medizin. Die philologische Akribie hat zwar viele, von den Arabern entstellte Texte der Klassiker — der Griechen sowie Römer — richtig gedeutet, doch blieb die Autorität der Klassiker in noch größerem Maße bestehen. Liest man das interessante Manuskript des Gazius, so wird deutlich, daß die humanistische Medizin wenig Sinn für die Empirie und noch weniger für das Experiment hatte. Empi1 1 Kardos, T. : Das Zeitalter des Ungarischen Humanismus (ungarisch). Budapest, L. 489—90, 1955. 1 2 Grmek, M. D. : Morgagni und die Greisenkrankheiten Sudhoffs Arch. 44. 120, 1960. 1 3 Sigerist, H. E.: Essays on the history of medicine presented to Karl Sųđĥoff, Zürich, 1924, 191.