KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

Anhang I

den die Elenden wieder aufspringen müssen, um das grandiose, aus einem grossen Stück Marmor geformte, mit einem Kaiserbildnis, ei­nem Adler darüber und an den vier Ecken mit Widderköpfen und edlen Akanthus-Blättern ge­schmückte Kapitel zum Bau weiterzuschleppen. Auch dieses Bild ist also ein Symbol des irdi­schen Lebens, in welchem die höheren Klas­sen, die Besitzenden, sich ihre Macht durch die Sklaverei der niederen Volksmassen erkämpfen. — Das 1903 datierte Blatt von der „Pest" führt uns in ein Lazarett und zeigt das grosse Elend dieser Sterbenskranken. Und wieder ohne nur die leiseste Andeutung eines Todes- oder To­tenmotivs ! — Wenn uns der Meister auf den bisherigen Bildern die scheinbar unüberwindliche Macht des Todesschicksals gezeigt hat, so will er uns in den Szenen 8—12 jene Möglichkeiten bekannt machen, durch welche der Mensch auch dem Tod Schranken setzen kann. — Auf dem Bilde „Und doch" (1888 datiert) bricht so­eben durch phantastische Wolken die aufge­hende Sonne hervor. Der nackte Mensch, den in der Finsternis noch die Schlangen umringen, erhebt betend seine Arme dem Licht entgegen. Die Gewissheit der Unwandelbarkeit der Natur­gesetze schenkt neues Leben dem Irdischen. Wie die Sonne, so leuchtet diese Gewissheit über Gerechte und Ungerechte, über Elend und Tod. Der Einzelne stirbt, aber der Glaube an etwas Höheres lebt 1 — Malerisch und zugleich auch tief menschlich ist die Szene Nr. 9 : Mut­ter und Kind. 1 Die feierliche Stille des Todes kann uns hier der Meister auf eine sehr eindring­liche Weise fühlbar machen. Im Steinsarkophag liegt ganz eingesunken, die mageren Hände ü­ber den Leib gefaltet, den Kopf mit Blüten be­kränzt, mit rührender Duldsamkeit, von den ü­berstandenen Leiden verklärt, die junge, engel­gleich schöne Mutter. Auf ihrer Brust hockt der hilflose Säugling. Um diesem das Leben zu schenken, musste sie scheiden. Mit der Frage am Gesichtchen, warum es nur durch den Tod der Mutter ins Leben treten konnte, wendet das Kind seinen Blick dem Zuschauer zu. Hinter der phan­tastischen Säulenhalle, aus italienisch-romani­schen und Renaissance-Reminiszenzen zusam­mengesetzt, sehen wir in einen tiefen Wald hin­ein. Zwischen den Baumriesen spriesst ein zartes Bäumlein empor, wie ein Kind unter den ab­sterbenden Erwachsenen. Der Mensch stirbt, die Menschheit lebt weiter. Das unvermeidliche To­desgesetz veranschaulicht uns in dieser Szene die kindlich zurdringliche Art des Säuglings, wie er sich auf die schleierhaft weiche Brust der Mutter unbarmherzig hinsetzt und ohne Scheu die Mutter still zur Rechenschaft heran­zieht, warum sie nicht noch wenigstens seinet­wegen am Leben blieb. Eine ganz eigenartig néue Auffassung der „Totentanz"-Stimmung 1 — Aber auch im inneren Leben des Einzelnen lässt sich ein Sieg über das irdische Verderben 1 1889 datiert; vgl. Tafel LXI. Fig. 3. erfechten I Auf dem zehnten Bilde mit dem'Ii­tel „Die Versuchung" (1890) schreitet eine As­ketengestalt, dem Johannes dem Täufer ähnlich, am Rande der Wüste durch ein Hyazinthenfeld. Sie ist herrlich, hager und willensstark. Dieser Mensch bereitet sich durch die Überwindung der irdischen Eitelkeit und durch Selbstzucht auf die Ewigkeit vor. Aber auch das biblische Riesenweib, die Versucherin, verlässt diesen Idealmenschen nicht. Sie bietet ihm die dünne Krone der weltlichen Lust an und ist bereit, für ihn den Gürtel des üppig vollen Leibes sogleich zu lösen. Aber der Versuchte weist alles Irdi­sche von sich und indem er den Körper in sei­nen Begierden ertötet, strebt er nach dem ewi­gen Leben des Geistes Wenn jemand in To­desbereitschaft lebt, so nimmt er den schmerz­lichsten Stachel des Todes und den Sieg der Hölle aus seinem Leibe. Nachdem Klinger den Sieg der Zeit über den Ruhm im elften Bilde geschildert hat, gibt er uns in der Schlusszene einen wundervollen Gedanken auf den Weg. Der Anblick der „Schönheit" befreit unsere Seele aus Not, Elend und Tod. In atemloser Bewun­derung knien wir, — wie der Mann auf diesem Bilde, — vor der schauererweckenden Grösse der Natur im Grase nieder. Und was erweckt diese unsere Bewunderung ? Ein grasbedeckter Hügel, einige alte, knorrige, verwitterte Baum­riesen, eine frische, grüne Wiese und das un­endliche Meer. Es ist ja wahr, dass auch die Natur in ihren Einzelheiten vergehen muss, die menschlichen Taten, Schöpfungen, Religionen, jede menschliche Kultur, — das alles kommt und geht wieder, entsteht und verschwindet wieder, nur eins bleibt ewig — die Schönheit I Als ich hier die Klinger'schen Todesbilder genau der Beschreibung von Schmid folgend charakterisierte, so gedachte ich dem werten Leser jeden Zweifel zu benehmen, dass es tat­sächlich schon bei Klinger eine neue „Toten­tanzart" existiert, welche das gesamte irdische Menschenleben durch einheitlich symbolisieren­de Einzelbilder darzustellen vermag, ohne die alten Todes- und Totenmotive immer verwen­den zu müssen. Woher nehmen die Einzelbilder dieser mo­dernen symbolischen Totentanzart ihre univer­selle Deutbarkeit ? Sie stehen mit den Vorgän­gen der Natur, mit allgemein bekannten Sagen und Märchen in Verbindung, deren Einzelzüge ein „tertium comparationis" zur Darstellung des Ge­samtlebens alles Irdischen liefern. Wenn wir auf der Tafel LXJII die Darstellungen von Fritz Rehtn, 2 Giovanni Segantini, 3 Angelo Jank 4 und Willy Be­ckerath 5 betrachten, so muss uns die interessante Darstellungsweise dieser modernen Zeichner mit wahrlich unüberwindlicher Kraft fesseln. Denn wie die Verbindung der Todesgestalt mit Einzelheiten der Natur das allgemein menschlich 2 geb. 1871 in München. 3 1858-1899, 4 geb. 1868 in München, 5 geb. 1868 in Krefeld.

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