KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

XII. Die realistische Dichlungsart des „allgemeinmenschlichen Totentanzbegriffes"

lind er verbringt die Nächte in Wirtshäusern. Nachts kommt er betrunken nach Hause und nachdem ihm Franziska Vorwürfe macht, fragt er, wie es dem Kinde geht. In scharf abweh­renden Worten erklärt ihm Franziska, dass ihn dies garnichts angehe, es ist ja ohnedies nicht sein Kind, sondern der Sohn eines fremden Mannes. Von diesem unerwarteten Hohn ein­geschüchtert frägt Balzer den grösseren Knaben, ob dieser vielleicht doch sein Kind wäre. Das Kind erkennt ihn als seinen Vater an und will einst — Scharfrichter werden. Die vom Vater geerbte Sünde verlangt in den Kindern schon nach Blut. Eine Dichtungsart der allgemeinen Toten­tanzauffassung nach dem Vorbilde von Conrad ist auch der „ Wiener Todtentanz" von Ludwig Hevesi. 1 Dieser Totentanz ist eher eine kultur­geschichtliche Abhandlung, als ein Roman oder eine Novellensammlung oder gar eine Dichtung. Die Idee der modernen Totentanzaffassung wird auf eine Reihe von Biographieproben, Anekdo­ten über Dichter, Künstler und Schauspieler übertragen. Das Leben und der Tod berühmter Wiener Künstlergrössen will Hevesi einander gegenüberstellen, indem er nach der Art all­täglicher Zeitungsartikel auf die Künstler und Künstlerinnen, auf ihre Fähigkeiten und Erfolge einen Lobgesang anstimmt. Nach Zeilungsarti­keln, die man zum Jubileumstag eines Künstlers schrieb, folgen Abhandlungen, die am Todestag desselben Künstlers erschienen sind. Wie ver­ändert sich die Meinung des Publikums, wenn der Vielgepriesene, der Vielgelobte schon unter den Toten liegt 1 Nachdem der Grosse, der Ge­feierte den Höhepunkt seiner Lebensbahn, seines Glückes, seines Sieges über das Alltäg­liche erreicht hat, kommt dann „der grosse Fall", der Sturz ins — Grab. Das ist nach der moder­nen Totentanzauffassung ein „Totentanz", ohne dass der Tod in seiner alten Erscheinungsform auftreten müsste. Das Leben selbst ist eben der Totentanz. Der „Lebenstanz" ist der Totentanz. Das zweiaktige Drama von Frank Wede­kind : Tod und Teufel 2 ist die Darstellung einer Seelenentwicklung Casti Piani Marquis befasst sich mit Mädchenhandel. Es gelingt ihm die reine und unschuldige Elfriede von Malchus zu verlocken. Aber dieser Sieg macht ihm keine Freude. Seine Verzweiflung und der Ekel vor sich selbst treiben ihn in den Selbstmord. Casti Piani ist eigentlich Everyman, den aber nicht der Tod tötet. Denn das muss selbstverständlich nicht mehr eigens betont werden, dass hier we­der der Tod noch der Teufel persönlich auftritt. Das Wesen der beiden wird in den Menschen verlegt. Everyman ist der Gegensatz seines ei­genen Ichs. Dieser Gegensatz ist „der Tod". Er hat sich in seinem bisheriges Leben getäuscht, er hat die Leidenschaft zu seinem eigenen Wohl 1 Stuttgarl. 1899. Gelegentliches über verstorbene Künstler und ihresgleichen. „Theater, Bildende Kunst, Mu­sik, Literatur . . ." usw. 8 Totentanz. Berlin. 1909. Motto : Math. 21 8 1. ausgenützt, hat aber an „das tugendhafte Weib" geglaubt. Er war überzeugt, dass es auf der Welt nicht nur sündhafte Mädchen gibt. Aber gerade durch seinen Sieg über Elfriede verliert er diesen letzten Anhaltspunkt seines Lebens und wünscht den Tod. Als er in den letzten Zügen liegt, erscheinen drei seiner Dirnen und wollen ihn durch die Erweckung der Sinnes­freude trösten. Aber dies alles ist im Tod zur Qual geworden. Der Everyman des Mittelalters beginnt unter dem Einfluss seiner Enttäuschun­gen ein neues Leben. Versöhnt sich mit Gott. Aber der moderne Everyman findet den neuen Weg nicht mehr, obwohl er die Notwendigkeit der Erlösung von den Sünden erkennt. Der mo­derne Everyman ist schwach, die göttliche Kraft hat ihn verlassen, da er selber sie von sich warf. Der Höhepunkt des Dramas ist die Darstel­lung der schrecklichen Gedanken und Gefühle eines Menschen in den letzten Augenblicken des Lebens. In den zwölf Novellen von A. de Nora : Totentanz 3 wird eine lange Reihe von Todes­fällen aufgezählt, deren Ursache meistens tra­gisch ist. Wenn jemand ein noch so grosses Amt bekleidet, kann er gegen den Meuchel­mord eines kleinen Zufalls nicht geschützt wer­den. Den Sünder verfolgt seine eigene Sünde und das Los des Unschuldigen ist Spott. Der blinde Greis muss erst zu spät erfahren, dar s ihn seine Verwandten und seine eigenen Kinder, von denen er geglaubt hat, dass sie ihn lieben, in Wirklichkeit verspotten, anlügen, ja sogar hassen. Der leichtfertige Jüngling wird zu einem Räuber und Mörder. Nachts tötet er aus Zufall seine eigene Mutter, die er nicht sogleich er­kennt und begeht aus Verzweiflung Selbstmord. Mit unendlich schwerer Mühe hat sich der arme Mann ein bisschen „Marei" zusammengespart, aber der Hunderte ist unversehens in die Hände des kleinen Kindes geraten, das ihn zerreisst. Der arme Mann schneidet sich aus Zorn und Verzweiflung die Kehle durch. Der reiche Jüng­ling hat sich mit einem Nagel den Fuss verletzt und stirbt an Blutvergiftung. Die Frau verlässt ihren sanften und gutmütigen Ehemann und dieser hat nicht den Mut, sich zu rächen, als die Gelegenheit kommt. Ein Turist stirbt im Ge­birge. Man kann ihn wegen des grossen Schnee­falles nicht begraben. Er wird im Keller auf­gebahrt. Seine Verwandten, die im Turisten­haus wohnen, gewöhnen sich ganz daran, dass im Keller ein Toter liegt. Seine Frau lässt die Kartoffeln in den Keller transportieren und wenn sie mit einem Korb abends in den Keller geht, um für das Nachtmahl einige Kartoffeln zu ho­len, hängt sie „den langen Griff des Leuchters mit einer gewohnheitsmässigen Geschicklichkeit in den Mundwinkel des Toten". Was ist der Mensch wert, wenn er gestorben ist ? Warum könnte er sich nicht wenigstens auf diese Weise für die Welt nützlich machen ? Das sündhafte 3 Ein Dutzend Novelletten. Leipzig. 1906.

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